Das Troll-Kind Loroldian

Von Moritz W. Haus

2022

 

Ich möchte dir nun eine Geschichte erzählen, die so ganz anders ist als andere Geschichten. Sie erzählt von Loroldian, einem wirklich klitzekleinen Jungen. Aber Loroldian war nicht einfach nur ein kleiner Junge. Er war nämlich ein Troll-Kind.

Du weißt doch sicher was ein Troll-Kind ist oder?

Genau, es ist ein Kind von einer Troll-Mutter und einem Troll-Vater. Aber weißt du auch wo Trolle wohnen?

Richtig! Sie wohnen versteckt in einem tiefen, dunklen Wald.

Es ist aber nicht so, dass Trolle im Dunklen leben wollen. Ganz im Gegenteil. Sie lieben die warme Sonne. Deshalb wird es niemanden verwundern wenn Trolle ihre kleinen Dörfer immer auf sonnigen Waldlichtungen erbauen.

Ihre Häuser sind so klein, dass du sie nicht entdecken könntest. Selbst dann nicht, wenn du mit deiner Nase direkt davor stehen würdest.

Trolle bauen ihre Häuser aus Tannennadeln, die sie immer erst mühsam aus dem Wald auf ihre Lichtung schleppen mussten.

Es war eine wirklich harte Arbeit, denn Trolle sind noch viel kleiner als Tannennadeln. Ja, sie sind sogar so klein, dass immer gleich zehn Trolle mit anfassen mussten, wenn es darum ging nur eine einzige Tannennadel bis in ihr Dorf zu tragen.

Troll-Kinder sind natürlich noch sehr viel kleiner als die erwachsenen Trolle und gingen deshalb auch mal sehr schnell verloren. So konnte ein Troll-Kind beim Spielen einfach so durch eine Bodenritze fallen, wenn es dabei nicht aufpasste.

Solche Ritzen und Löcher gab es in jedem Troll-Haus und dort in jedem Troll-Fußboden. Diese Böden wurden nämlich aus Nussschalen gebaut und weil Nüsse nun mal nicht grade sind, sondern mehr oder weniger rund, gab es eben auch keine geraden Fußböden.

Natürlich waren diese Nüsse keine normalen Nüsse wie du sie vieleicht kennst. Es waren winzig kleine Troll-Nüsse, die so ähnlich aussahen wie Haselnüsse. 

Es war wirklich nicht einfach, ja eigentlich sogar unmöglich, runde Nussschalen so zusammen zu fügen, dass dabei keine Löcher oder Ritzen in den Nussböden entstanden. Darum mussten die Troll-Eltern immer besonders gut auf ihre winzigen Kinder aufpassen.

Wenn ein Troll-Kind drei Jahre alt war, musste es in die Troll-Schule gehen. Dort lernte es alles, was für sein Leben wichtig war. Auch Loroldian ging in die Schule und war ein fleißiger Schüler.

Er lernte, wie man in den Troll-Gärten das Moos richtig kämmt, wie man an den leckeren Honig der Waldbienen heran kommen konnte, ohne von ihnen entdeckt zu werden und noch viele andere nützliche Dinge.

Mit sechs Jahren hatte ein Troll Kind tatsächlich alles gelernt, was es für sein langes Leben so brauchte. Ein Troll konnte nämlich 999 Jahre alt werden, älter als wir Menschen und älter als jeder andere Waldbewohner. Nur Bäume konnten noch älter werden. Aber nur dann, wenn die Menschen die Bäume auch wachsen ließen und nicht einfach vorher fällten.

Loroldian war wie gesagt ein fleißiger Schüler, doch leider auch sehr, sehr neugierig. Als seine Troll-Lehrer damit begannen vor den großen Gefahren zu warnen, die einem unvorsichtigen Troll im tiefen Wald so passieren könnten, hörte er ihnen aufmerksam zu.

Du musst nämlich wissen, dass es gleich drei große Gefahren für einen kleinen Troll gab und die meist sehr alten Troll-Lehrer wurden nicht müde damit, ihre kleinen Schützlinge darauf vorzubereiten.

Kannst du dir vielleicht vorstellen welche Gefahren das sein könnten?

 

Also mit den Menschen liegst du schon mal ganz richtig. Du bist doch auch ein Mensch oder etwa nicht? – Ich meine, wenn du kein Mensch wärst, bist du vielleicht ein Troll. Dann bräuchte ich dir diese Geschichte gar nicht weiter zu erzählen. Du wüsstest nämlich dann schon sehr genau was passiert wenn sich ein Troll einem Menschen zeigt.

Genau, es passiert nämlich nichts. Weil Trolle nämlich so winzig klein waren, wenn nicht sogar noch kleiner als klein, konnte ein Mensch sie normalerweise gar nicht entdecken.

Normalerweise nicht. Aber alle 99 Jahre passierte es eben doch einmal und dann war es um den armen Troll geschehen.

Dieser wurde nämlich augenblicklich in einen Gartenzwerg verwandelt. Der so verzauberte Troll musste dann für immer und für alle Zeiten und wenn nicht sogar für noch länger in einem Menschengarten herum stehen und ein langes, dummes Gesicht machen.

 

Die zweite große Gefahr für einen Troll war der alte Waldschrat. Dieser lebte in den tiefsten Gefilden des Waldes und hatte die Trolle zum Fressen gern. Deshalb jagte er auch nach ihnen.

Wann immer er einen unvorsichtigen Troll erwischte, sperrte er ihn in sein unterirdisches Wurzel-Gefängnis ein und fütterte ihn solange mit seinem magischen Schattenhonig, bis er mehr als hundert Mal so groß und schwer war, als er ursprünglich bei seiner Gefangennahme gewesen war.

Bei dieser Größe hätte selbst ein Mensch einen Troll entdecken können. Doch kam es nie dazu, weil der Waldschrat die so gemästeten Trolle immer sofort verspeiste. Mit jedem Troll, den der Waldschrat erwischte und auf aß, wurde dieser stärker und natürlich auch noch böser.

 

Die dritte und letzte große Gefahr für einen Troll war der gemeine Troll-Pilz.

Dieser sah zwar auf dem ersten Blick recht drollig und harmlos aus, doch in Wirklichkeit konnte dieser Pilz, wann immer er es wollte, einfach seine Wurzeln aus der Erde heraus ziehen und so frei in dem Wald herum laufen. Doch nicht nur das.

Das Gefährlichste an ihm war, dass er sich in andere, harmlose Pilze verwandeln konnte. Und da Trolle gerne Pilzsuppe aßen, mussten sie bei ihrer Suche nach essbaren Pilzen höllisch aufpassen. Denn nur allzu gerne stellten sich die giftigen und für Trolle absolut gefährlichen Troll-Pilze zu den harmlosen Pilzen in den Wald.

Es war nicht so, dass ein Troll gleich sterben musste, wenn er doch einmal von einen dieser giftigen Pilze gegessen hatte. Nein, es war noch viel, viel schlimmer. Denn nach ihrem Verzehr lösten sie im Magen des armen Trolls starke Blähungen aus. Diese waren dann so schlimm, dass dabei sein Bauch immer dicker und dicker wurde. So wie ein Luftballon, den man langsam aufbläst.

Schließlich entluden sich die teuflischen Gase des Pilzes mit einem donnernden Pups aus dem kleinen Troll-Popo. Und so düste der arme Troll wie eine Rakete in dem Himmel hinauf.

Er blieb dann für immer und ewig verschwunden und niemand konnte wirklich sagen, wohin er eigentlich geflogen ist und ob er überhaupt wieder irgendwo gelandet war. Denn bisher war noch nie ein Troll nach so einer himmlischen Reise wieder in das Dorf zurück gekehrt.

 

Nachdem nun Loroldian die drei großen Gefahren kannte, begann er damit seinen Lehrer mit Fragen zu durchlöchern. Wie ich ja schon erwähnte war Loroldian sehr neugierig und jeder seiner Fragen begann immer mit ein und demselben Wort: „Warum.“

Es waren Fragen wie diese: „Warum frisst der Waldschrat kleine Trolle?“, oder „Warum können Pilze eigentlich laufen?“

Der Troll-Lehrer schüttelte dann immer traurig seinen Kopf und gab ihn immer die gleiche Antwort: „Ich weiß es nicht!“

Doch damit war Loroldian natürlich nicht zufrieden. Und so streifte er immer wieder durch das Dorf und fragte jeden den er unterwegs traf, nach dem Waldschrat, den Troll-Pilzen und natürlich auch nach den Menschen. Aber niemand konnte oder wollte seine Fragen beantworten.

Schließlich hatten die Trolle von Loroldians Fragen die Nase gestrichen voll.

Auch seine Eltern konnten sie nicht mehr hören und so kam es, wie es kommen musste. Ausgerechnet Loroldians Vater platzte eines Tages endgültig der Kragen, als sein Sohn erneut mit seiner Fragerei begann.

„Das reicht jetzt aber Junge. – Du packst jetzt sofort deine sieben Sachen und gehst in den Wald hinaus. Nur dort wirst du die Antworten auf deine Fragen finden!“

Loroldians Mutter begann sofort zu weinen, wusste sie doch, dass sie ihren Sohn nie wieder sehen würde und jammerte deshalb: „Aber Troll-Kinder dürfen nicht alleine in den Wald hinaus gehen!“

„Frage-Trolle aber schon!“, schimpfte der Vater zornig.

Loroldian selbst war in diesem Augenblick fassungslos. Er verstand weder seinen Vater, noch seine Mutter.

Schweren Herzens nahm er seinen Troll-Beutel und verstaute seine sieben Sachen darin.

Das waren eine Troll-Flöte, die man auch Rückwärts spielen konnte, ein getrockneter Tau-Tropfen, der niemals nass werden konnte, ein Samenkorn von einer Pflanze, die es nicht gab, seine Moos-Decke, die ihn auch an kalten Tagen bisher immer gewärmt hatte, eine Dose mit unsichtbarer Farbe, die nur er sehen konnte und seine kleine Knuddel-Ameise, ohne die er nicht einschlafen konnte.

Natürlich hatte er noch nie eine echte Ameise gesehen, aber von seiner Mutter wusste er, das diese gigantisch groß waren und trotz ihrer Größe Angst vor den Trollen hatten und deshalb einen großen Bogen um ihr Troll-Dorf machten.

Loroldian zählte noch einmal seine sieben Sachen durch und stellte dann überrascht fest, dass er nur sechs eingepackt hatte. Er überlegte, was er wohl vergessen haben könnte, doch es mochte ihn einfach nicht einfallen. Deshalb fragte er erst seine Mutter und dann seinen Vater nach der fehlenden siebten Sache. Doch seine Eltern wussten beide nicht so recht, was er eigentlich von ihnen wollte.

Traurig schlurfte er dann zum Dorfausgang, wo sich alle Trolle versammelt hatten um ihm Lebewohl zu sagen. Auch sein alter Klassenlehrer war dort und weil Loroldian nicht anderes konnte, fragte er ihn nach der fehlenden siebten Sache.

Der Toll-Lehrer machte große Augen und flüsterte dann geheimnisvoll: „Die siebte Sache, die dir noch fehlt, ist ein Freund. Doch so ein Freund fällt nicht einfach so vom Himmel. Du musst erst nach ihm suchen.“

Loroldian machte noch größere Augen als sein Lehrer und erklärte: „Aber ich habe doch schon einen Freund!“ Dabei zog er triumphierend sein kleines Ameisen-Kuscheltier aus seinem Beutel heraus und hielt es seinem Lehrer unter die Nase.

Dieser verdrehte nun entsetzt seine Augen und rief: „Aber das ist doch nur ein Kuscheltier und eigentlich müsstest du ja auch wissen, das Ameisen und Trolle niemals Freunde werden können!“

Lorodian verdrehte nun ebenfalls seine Augen, wobei er versuchte sie noch schneller zu verdrehen als sein Lehrer und fragte neugierig: „Aber warum?“

Das war wohl ein warum zu viel gewesen, denn jetzt verdrehten alle Trolle entsetzt ihre Augen und riefen im Chor: „Das reicht uns jetzt aber wirklich, Loroldian!“

Der kleine Troll-Junge ließ enttäuscht seinen Kopf hängen, packte seine Kuschel-Ameise wieder in seinen Beutel hinein und fragte dann mit Tränen in den Augen seinen Lehrer: „Aber wie sieht ein echter Freund denn aus?“

Der Troll-Lehrer schüttelte langsam seinen Kopf und sagte dann: „Du wirst ihn erkennen wenn du ihn gefunden hast. Und jetzt mein Junge mach dich auf den Weg!“

Und so marschierte der kleine Troll-Junge mutig in den dunklen Tannenwald hinein.

 

Der Weg war beschwerlich, denn eigentlich gab es in einen Tannenwald für einen Troll keine Wege sondern nur Hindernisse.

Jede einzelne Tannennadel war so ein Hindernis. Besonders dann, wenn sie nicht grade auf dem Boden lag. Schlimmer aber waren die Tannenzapfen. Die lagen wie Berge im Weg herum und so musste Loroldian immer um sie herum wandern.

So war er Tagelang unterwegs gewesen, als er plötzlich leise Hilferufe hörte.

Sie kamen von einer großen Lichtung direkt vor ihm und weil Loroldian wie immer neugierig war, marschierte er mutig auf sie zu. Dazu brauchte er allerdings einen ganzen Tag und als er endlich sein Ziel erreicht hatte, staunte er nicht schlecht.

Vor ihm lag ein großer See und mitten auf dem Wasser schwamm ein riesiges Blatt. Es war nicht dieses Blatt, was Loroldian etwas Unbehagen bereitete, sondern das was sich darauf befand.

Es war eine riesig große schwarze Waldameise. Und als diese erneut nach Hilfe rief sagte Loroldian geplättet: „Ach du heilige Troll-Trall-Trulla!“

 

Du musst nämlich wissen, dass diese Waldameise auf Loroldian wirkte, wie ein ausgewachsener Elefant auf dich wirken würde, wenn du direkt vor einem stehen würdest. Die Ameise war einfach nur gigantisch groß für den kleinen Troll.

 

Als die Ameise Loroldians zartes Stimmchen vernahm, zuckte sie heftig zusammen, wodurch das Blatt auf dem sie saß, gefährlich auf dem Wasser hin und her schaukelte.

„Wer ist da?“, fragte die Ameise ängstlich, weil sie zunächst niemanden sehen konnte.

Loroldian hatte zwar ein klein wenig Angst, aber er war froh endlich jemanden gefunden zu haben, der vieleicht Antworten auf seine Fragen haben könnte. Deshalb rief er mutig: „Ich bin Loroldian, ein kleiner Troll und stehe hier drüben am Ufer!“ Dabei winkte er heftig mit seinen Armen.

Die Ameise zuckte erneut zusammen und rief entsetzt: „Ein Troll? Das finde ich gar nicht toll. Verschwinde lieber, bevor ich dich mit meinen Zangen zerschneide!“

„Aber ich tue dir doch gar nichts.“, rief Loroldian traurig, „Ich bin hier, weil du um Hilfe gerufen hast. Was ist denn los mit dir?“

„Siehst du das denn nicht? Ich sitze hier schon seit Tagen auf diesem Blatt fest und da ich nicht schwimmen kann, werde ich wohl hier auf dem Wasser verhungern müssen!“, zischte die Ameise unfreundlich.

„Aber wo sind deine Freunde, die anderen Ameisen. Die könnten dich doch retten?“, wollte Loroldian wissen.

„Sie sind schon lange aus diesem Wald verschwunden. – Weißt du, wir waren auf der Flucht vor dem unheimlichen Waldschrat, als ich von diesem Baum über mir hier herunter fiel und zum Glück auf diesem Blatt landete. Sonst wäre ich gleich ertrunken!“

„Du kennst den Waldschrat?“, rief Loroldian und machte vor Aufregung einen Purzelbaum rückwärts.

„Klar kenne ich ihn. Er ist ein Feind der Ameisen!“, bestätigte die Ameise ihm.

„Das trifft sich ja gut.“, rief der kleine Troll, „Er ist nämlich auch ein Feind der Trolle und deshalb könnten wir beide ja Freunde werden und gegen ihn kämpfen. Vielleicht können wir ihn ja gemeinsam aus unserem Wald hinaus jagen!“

Die Ameise war aber sehr misstrauisch, glaubte sie doch zu wissen, dass man Trollen nicht trauen durfte.

Sie forderte deshalb nach einem Beweis, dass Loroldian es wirklich ernst meinte. Dieser überlegte kurz und angelte dann aus seinem Beutel sein Kuscheltier heraus. Er hielt es hoch und rief: „Ohne dieses kuschelige Ameisentier kann ich nachts nicht schlafen. Glaubst du denn wirklich, dass ich einen Feind als Knuddel-Freund in meinem Bettchen haben möchte?“

Jetzt glaubte ihm die Ameise und rief gerührt und den Tränen nahe: „Ja, ich glaube dir. Aber wie willst du mich denn retten?“

„Kein Problem, ich bin so leicht, das ich über das Wasser laufen kann. Ich komme zu dir herüber und schiebe dann dein Blatt einfach an das sichere Ufer!“

 

Und so geschah es zum ersten Mal in diesem Wald, dass ein kleiner Troll einer Ameise das Leben rettete.

Nachdem die Ameise auf festen Boden stand, sagte diese: „Vielen Dank mein kleiner Troll-Freund. Ich heiße übrigens Formica Sensu Stricto, aber wenn dir mein Name zu lang ist kannst du mich auch einfach nur Formica nennen!“

Loroldian glaubte sich verhört zu haben. Hatte Formica ihn grade tatsächlich einen Freund genannt? Deshalb fragte er etwas schüchtern die gigantische Ameise, die wie ein Berg vor ihm aufragte: „Du willst wirklich mein Freund sein?“

Formica nickte gütig mit ihrem Kopf und ließ dabei ihre Zangen leise klacken. „Ja, das möchte ich gerne. Doch jetzt steige auf meinen Rücken hinauf. Wenn du auf mir reitest, können wir viel schneller beim Waldschrat sein und ihn das fürchten lehren!“

Doch der kleine Troll schüttelte traurig seinen Kopf und sagte: „Ich würde Jahre brauchen, um an dir hinauf zu steigen.“

Formica verstand und hob ihn deshalb vorsichtig mit einer ihrer messerscharfen Zangen auf sich hinauf. Dann rief sie: „Halte dich nur gut an mir fest. Ich bin eine sehr schnelle Läuferin!“

Und damit hatte sie recht. Sie sauste so schnell durch den Wald, dass Loroldian wirklich Mühe hatte, sich auf ihren Rücken fest zu halten.

Ihre Reise dauerte trotzdem sehr lange und führte sie erst durch den Tannenwald hindurch, dann über eine große Wiese und schließlich in einen Eichenwald.

Ganze drei Tage brauchten sie dazu und so hatten beide sehr viel Zeit, sich kennen zu lernen. Formica wusste am Ende alles über Loroldian und Loroldian alles über Formica.

Die Bäume im Eichenwald waren sehr alt, wenn nicht sogar noch älter als alt und standen so dicht beisammen, dass so gut wie kein Sonnenstrahl den mit meterhohem altem Laub bedeckten Boden erreichen konnte. Trotz der hier herrschenden Dunkelheit konnte Loroldian so gut wie alles erkennen. Hatte er doch sehr gute Augen.

Auch Formica machte diese geradezu unheimliche Finsternis nichts aus, hatte sie doch einen ausgeprägten Tast- und Geruchssinn. Und dieser ließ sogleich ihre Alarmglocken klingeln, denn sie rief aufgeregt: „Ich rieche Troll-Pilze!“

„Solange wir sie nicht essen, können sie uns doch nichts anhaben!“, rief Loroldian und rutschte dann geschickt an den Beinen der Ameise hinunter auf dem Waldboden.

Er hatte noch nie einen Troll-Pilz gesehen und wusste deshalb nicht wirklich wie sie aussahen. Doch was er jetzt sah, waren nur Pfifferlinge und davon gab es reichlich. Es waren bestimmt über Hundert Pfifferlinge, die sich in einem großen Kreis um sie herum aufgestellt hatten.

„Glaube mir Loroldian, nur einer von ihnen ist ein echter Pfifferling. Die anderen sind alle getarnte Troll-Pilze!“, sagte Formica bestimmend.

„Aber so viele auf einmal und dann hier in der Nähe des Waldschrats. Was hat das nur zu bedeuten?“

Formica wusste darauf leider keine Antwort.

Doch da geschah etwas Seltsames. Einer der falschen Pilze trat aus dem Kreis heraus und veränderte dann sein Aussehen.

In weniger als einer Sekunde hatte er sich von einem Pfifferling in einen Troll-Pilz verwandelt. Er schillerte in allen nur erdenklichen grünen Farben und machte ein trauriges und zugleich grimmiges Gesicht.

Das alleine war schon sehr merkwürdig, doch als der Troll-Pilz seinen kleinen Mund öffnete und dann auch noch zu sprechen begann, fiel Loroldian vor Überraschung auf sein kleines Hinterteil.

„Du bist ein Troll und ich bin ziemlich sauer. So sauer, dass ich schon richtig giftig bin. Sag mir sofort, was du hier so weit von deinem Dorf entfernt zu suchen hast!“, giftete ihn der Troll-Pilz böse an.

„Wau, ein sprechender Pilz!“, entfuhr es Formica überrascht und Loroldian der sich wieder erhoben hatte, antwortete dem Troll-Pilz: „Pilze suche ich jedenfalls nicht. Und dich schon gar nicht. Ich bin hier, um den Waldschrat für immer aus diesem Wald zu vertreiben!“

Kaum hatte er zu Ende gesprochen, da gaben auch die anderen Troll-Pilze ihre Tarnung auf und liefen aufgeregt hin und her. Dabei redeten alle gleichzeitig aufeinander ein, so dass man nicht ein Wort verstehen konnte. Schließlich sorgte der Anführer der Troll-Pilze für Ruhe und sagte dann: „Das trifft sich ja gut. Der Waldschrat ist auch unser Feind, weil er uns verzaubert hat."

„Er hat euch verzaubert?“, fragte Loroldian überrascht.

„Ja, das hat er. In Wirklichkeit sind wir nämlich keine Pilze, sondern verwunschene Elfen. Wir waren damals glücklich und taten nichts anderes, als mit unserer schönen Musik die Natur zu verzaubern. Doch die alte Wurzelknolle von Waldschrat mochte unsere Musik nicht und da hat er uns kurzerhand in Troll-Pilze verwandelt. Fortan mussten wir dafür sorgen, dass so viele Trolle wie möglich von uns aßen.“

„Und du denkst, ich glaube dir diese Geschichte so einfach?“, wollte Loroldian von dem Troll-Pilz wissen.

„Ja, das solltest du tun. Wir haben den gleichen Feind und sollten deshalb Freunde werden und gemeinsam gegen den Waldschrat kämpfen. Nur wenn wir ihn besiegen, kann der Zauber von uns genommen werden. Und dann wird kein Troll mehr auf seinen Pupsen in die Lüfte steigen müssen, nur um letztendlich in dem Kochtopf dieses Unholdes zu landen!“, erklärte der Troll-Pilz.

Loroldian war fassungslos. Hatte er doch grade eine Antwort auf einer seiner vielen Fragen bekommen.

Die armen Trolle aus seinem Dorf landeten nach ihren Abflug also in dem Kochtopf des Waldschrats. Das machte ihn jetzt so sauer, dass er fast schon so giftig wie ein Troll-Pilz rief: „Dafür wird der Waldschrat aber bezahlen müssen!“

„Du glaubst mir also?“, wollte der Anführer der Troll-Pilze wissen?“

Loroldian sah zu Formica hinüber und als diese nickte, sagte er: „Ja, ich glaube dir. Aber wie können wir den Waldschrat nur besiegen? Schließlich verfügt er über Zauberkräfte!“

„Wir sollten in seine Höhle eindringen und sein Tannennadeln-Bier vergiften.“, sagte der Troll-Pilz.

Loroldian fand die Idee nicht schlecht, doch würde der Waldschrat es bestimmt sofort bemerken, wenn in seinem Bier ein paar Pilze herum schwammen.

Er überlegte eine ganze Weile hin und her und dann hatte er eine Idee. Er öffnete seinen Beutel und zog seine Flöte, auf der man auch rückwärts spielen konnte, heraus.

Als die Troll-Pilze diese erblickten, wichen sie entsetzt zurück und jammerten: „Bitte tue uns das nicht an. Jeder weiß doch, dass Trolle überhaupt keine Ahnung von Musik haben. Wenn du jetzt auf deiner Flöte herum flötest, treibst du uns bestimmt die Tränen in die Augen!“

Loroldian nickte und sagte: „Genau so soll es ja auch sein. Ich denke, dass eure Tränen auch giftig sind. Wir fangen sie einfach auf und schütten sie dann in das Bier von dem Waldschrat."

„Aber unsere Tränen sind giftgrün. Er wird es bemerken, wenn sein Bier plötzlich eine andere Farbe hat!“, gab der Anführer der Troll-Pilze zu bedenken.

Loroldian zog jetzt seine Dose mit der unsichtbaren Farbe aus seinen Beutel und sagte: „Diese unsichtbare Farbe wird eure Tränen unsichtbar machen. Also fangen wir einfach mal an.“

Loroldian setzte sich nun die Flöte an seine Lippen und begann darauf so erbärmlich herum zu flöten, dass die Troll-Pilze, die ja eigentlich verzauberte Elfen waren, sofort zu heulen begannen.

Formica lief mit der Dose zu jedem einzelnen Pilz und fing darin die Tränen auf. Diese waren tatsächlich giftgrün, doch sobald sie in die unsichtbare Farbe hinein tropften, waren sie nicht mehr zu sehen. Schnell war die Dose bis zum Rand gefüllt, denn Loroldian entlockte seiner Flöte so grauenhafte Töne, dass selbst die alten Eichen in der Nähe vor Entsetzen ihre Blätter fallen ließen.

 

Wenig später marschierte eine kleine Armee aus Pilzen, angeführt von einer Ameise, auf der ein Troll ritt, immer tiefer in den Wald hinein.

Diesmal kamen sie nicht so schnell voran, weil die Troll-Pilze nicht so schnell laufen konnten wie die Ameise. Doch nach einen halben Tag oder etwas länger, erreichten sie endlich ihr Ziel.

Vor ihnen lag der wohl größte umgestürzte Baum, der jemals in einem Wald umgefallen war. Und in seiner riesigen Wurzel, die mit der einen Hälfte noch tief in der Erde begraben war und deren andere Hälfte wie ein riesiger Berg vor ihnen aufragte, befand sich die Höhle des Waldschrats.

Vorsichtig schlichen sie etwas näher heran und überlegten dann, wie sie das Tränengift unbemerkt in dessen Höhle hinein schaffen konnten.

Doch dann begann ganz unverhofft die Erde zu beben und ein unheimliches Grummeln und Brummeln ertönte aus dem Eingang der Wurzelhöhle. Erdklumpen fielen von den weit in der Luft hängenden Wurzeln herab und schlugen wie Kometen auf dem mit Blättern übersäten Boden ein.

Loroldian, der nicht wusste, wie der Waldschrat eigentlich aussah, erschrak doch heftig, angesichts der Geschehnisse und klammerte sich ängstlich an Formica fest. Die Troll-Pilze erstarrten vor Schreck und rührten sich nicht mehr.

Für eine Flucht war es ohnehin schon zu spät, denn jetzt erschien auch schon das Ungeheuer am Höhleneingang.

Der Waldschrat sah aus wie eine riesige Kartoffel, hatte aber eher die Form einer krumm gewachsenen Gurke.

In seinem Gesicht öffnete sich ein gigantisches Maul, das so groß war wie zwei kleine Schulbusse und dann grunzte er fast wie ein Schwein drohend in den Wald hinein: „Wer stört mich in meiner Ruhe!“

Formica und Loroldian hatten sich hinter einem Baum versteckt und sahen nun, wie das kartoffelartige Monster einen seiner unzähligen wurzelartigen Arme hob und in seine rübenartige Nase steckte. Genüsslich begann es dann, darin herum zu bohren.

Als das der Troll-Pilz Anführer sah, löste er sich aus seine Starre und brüllte, so laut er nur konnte: „Was sind denn das für ungehobelte Manieren, du Kartoffelschwein!“

Der Waldschrat erstarrte kurz, zog seinen Arm mit einen „Flop“ aus seiner Nase heraus und brüllte zornig: „Wer hat das grade zu mir gesagt!“

Dabei rollte er drohend mit seinen Augen, die größer als Kürbisse waren, hin und her.

„Das war ich!“, hüstelte der Troll-Pilz spitz, „Da wo ich herkomme, bohrt man nicht in den Nasen herum. Schon gar nicht in so einer widerlichen hässlichen, wie deine eine ist!“

Loroldian erkannte jetzt, dass der Troll-Pilz Anführer den Waldschrat ablenken wollte und so spurtete er, auf Formica reitend und im Schutz der vielen Blätter, die auf dem Boden lagen, zum Höhleneingang.

Über ihnen donnerte der Waldschrat: „Wenn du dich nicht sofort zeigst, dann brülle ich so laut, das dir die Ohren abfallen werden!“

Darauf begann der Anführer der Troll-Pilze mit einen höhnischen Gelächter und rief spöttisch: „Na, hier unten. Siehst du mich denn nicht? – Und da wir grade bei den Ohren waren. Ich habe noch nie so verdreckte Ohren gesehen wie deine. Da wachsen ja schon Radieschen drin. Pfui Teufel!“

Jetzt begannen auch die anderen Troll-Pilze, die in einem großen Halbkreis und zum Teil mit Blättern bedeckt um den Waldschrat herum standen, mit einem boshaften Gelächter.

Der Waldschrat machte wütend einen Schritt nach vorne. Dabei klatschten seine gigantischen Schlapperohren, die größer als Garagentore waren, wie nasse Handtücher in sein mit Warzen übersätes Gesicht.

Inzwischen waren Formica und Loroldian in die Höhle eingedrungen und hatten nur wenig später ein riesiges Bierfass entdeckt. Dieses war aber noch verschlossen. Doch auf einem Tisch stand ein großer Krug mit frischem Bier und dort hinein schütteten sie schnell das Tränengift der Troll-Pilze. Sofort machten sie sich wieder auf den Rückweg und eilten zu ihrem Versteck hinter dem Baum zurück.

 

Die Troll-Pilze hatten inzwischen den Waldschrat so wütend gemacht, dass dieser wie eine alte Lokomotive aus seinen Ohren dampfte.

Ganz offensichtlich konnte das Monster nicht sehr gut sehen und das nutzten die Troll-Pilze aus. Grade rief einer: „Ich bin hier oben. Bist du denn blind?“

Der Waldschrat glotzte nach oben, doch da rief schon ein anderer Pilz von unten und von einer ganz anderen Stelle: „Was glotzt du da für Löcher in die Luft, ich bin doch hier unten!“

Loroldian beobachtete das Schauspiel begeistert und lachte leise vor sich hin, bis ihn Formica daran erinnerte, dass der Waldschrat sein Bier auch trinken musste, wenn sie ihn besiegen wollten.

Loroldian überlegt kurz und hatte dann eine Idee. Von den Troll-Pilzen wusste er ja, dass der Waldschrat keine Musik mochte. Deshalb nahm er erneut seine Flöte zur Hand und spielte sie diesmal rückwärts.

Die Töne die jetzt erklangen, waren so grauenhaft gruselig, dass der Waldschrat sofort mit seiner Toberei aufhörte und sich geschockt die Ohren zu hielt. Fast gleichzeitig rannen zwei riesige, wasserfallähnliche Tränenströme aus seinen Augen heraus.

Loroldian unterbrach sein Flötenspiel, damit der Waldschrat ihn auch hören konnte und brüllte, so laut er konnte: „Du solltest besser dein Bier trinken, sonst trocknest du noch aus, wenn du hier weiter so herum heulst!“

Zornig stürmte der Waldschrat in die Richtung, aus der Loroldians Stimme zu hören gewesen war, doch dieser blies gnadenlos erneut in seine Flöte und stoppte so augenblicklich das Monster, das sofort wieder rotz und Wasser heulte.

Die Troll-Pilze hatten sich inzwischen, ebenso wie Loroldian und die Ameise, auf den Bäumen in Sicherheit gebracht, denn der Waldschrat überflutete mit seinen Tränen den Waldboden.

Gleichzeitig wurde seine Haut immer schrumpeliger und deshalb stoppte Loroldian sein Flötenspiel und mahnte freundlich: „Wenn du so weiter flennst, werden deine Falten in deiner Haut noch so tief wie Ackerfurchen. Du solltest jetzt wirklich ein Bierchen trinken gehen!“

Benommen sah der Waldschrat an sich herunter und als er sah, dass er tatsächlich damit begonnen hatte, auszutrocknen, taumelte er in seine Höhle zurück.

 

Gebannt warteten Loroldian und seine Freunde ab, was weiter passieren würde.

Sie warteten und warteten und als nach einer scheinbar unendlichen Warterei noch immer nichts passiert war, wollten sie in die Höhle gehen und nachsehen. Doch da ertönte plötzlich ein unheimliches Geräusch.

Es hörte sich an, als hätte jemand die Düsentriebwerke eines Flugzeuges gestartet. Immer lauter und lauter wurde es und schließlich donnerte der Waldschrat wie eine Rakete durch das erdige Dach seiner Höhle, flog durch die Baumwipfel und verschwand dann für immer und ewig in den jetzt sichtbaren blauen Himmel.

 

 

Mit dem Ende des Waldschrats endet nun auch meine Geschichte.

Die Troll-Pilze verwandelten sich tatsächlich wieder in Elfen zurück und seit diesem Tag musste kein Troll mehr nach einer Pilzsuppe pupsen. Und schon gar nicht unfreiwillig irgendwo hin fliegen.

Loroldian kehrte mit Formica in sein Dorf zurück und bewies allen, dass Ameisen und Trolle doch gute Freunde sein konnten.

Fortan halfen die Ameisen sogar den Trollen bei ihren Hausbauten. Denn wie du ja sicher weißt, sind Ameisen sehr stark und können gleich zehn Tannennadeln auf einmal tragen.

Und wenn du dich fragen solltest, wohin der Waldschrat wohl geflogen sein könnte, dann schaue dir doch einmal bei einer sternenklaren Nacht den Mond an. Wenn du da einmal genau hinsiehst, wirst du dort oben einen kartoffelförmigen Mondkrater entdecken. Wie der da wohl hingekommen ist?

 

 

© by Moritz W. Haus 2022

 

 

 

 

 

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