Die blaue Tür

Eine Gruselgeschichte von Marc Dean, 13 und Moritz W. Haus

2009/2020

 

 

 

Mit quietschenden Bremsen stoppte der klapprige Golf und etwas unfreundlich sagte die Frau am Steuer: „Wir sind da. Hier in diesem Haus wohnt euer Onkel!“

Dabei deutete sie achtlos mit der Hand nach draußen auf ein riesiges altes Landhaus, das unheimlich und drohend vor ihnen in den Himmel ragte.

„Wow!“, entfuhr es dem 13jährigen Marlon nur.

Eigentlich hatte sich der schmächtige Junge geschworen, nie wieder ein Wort mit seiner Mutter zu sprechen. Doch als diese keine Anstalten machte, aus dem Wagen zu steigen, fragte er etwas gereizt: „Was ist, willst du uns nicht hinein bringen zu unseren Onkel?“

„Nein. - Auf gar keinen Fall werde ich auch nur einen Fuß in dieses verfluchte Gemäuer setzen!“, rief sie grob.

Auf der Rückbank begann jetzt ein kleines Mädchen zu weinen. Schluchzend jammerte sie: „Du machst mir Angst, Mama...“

„Hör schon auf mit dem Gejammer.“, schrie die Frau jetzt aufgebracht, „Das haben wir doch schon hundertmal durch gesprochen. Ihr bleibt die Sommerferien über bei eurem Onkel und damit basta!“

Mit Tränen in den Augen stieß Marlon die Beifahrertür auf und sprang erbost als erster aus dem Wagen. Bevor er die Tür zuknallte, schrie er noch: „Von mir aus kannst du für immer verschwinden. Ich hasse dich, Mama!“

Dann öffnete er die Hintertür und nahm seine inzwischen laut weinende Schwester auf den Arm. In den Wagen hinein rief er: „Na komm schon, Bruderherz, soll sie doch zu ihrer verdammten Arbeit fahren!“

Jetzt stieg auch Marlons jüngerer Bruder Merlin aus dem Auto.

Er hatte bis jetzt noch kein einziges Wort gesprochen, aber in seinen Augen konnte man gut seine blanke Wut erkennen, die er wohl in diesem Augenblick für seine Mutter empfand.

Mit der immer noch weinenden Lisa auf dem Arm, die gerade mal fünf Jahre alt war, öffnete Marlon jetzt die Heckklappe und rief: „Los, Merlin, hilf mir mal mit unseren Koffern!“

Mit wenigen Handgriffen war ihr aus nur drei Koffern bestehendes Gepäck herausgeholt. Merlin knallte die Klappe zu und schon gab ihre Mutter mit quietschenden Reifen Vollgas. Bald darauf war sie verschwunden.

„Ist schon gut Lisa, alles wird gut.“, versuchte Marlon seine Schwester zu trösten und wandte sich den bröckligen Steinstufen zu, die hinauf zu der riesigen Eingangstür des Hauses führten.

„Es ist irgendwie unheimlich.“, flüsterte Merlin seinem Bruder zu.

„Mir wäre bestimmt wohler, wenn wir unsern Onkel wenigstens kennen würden. Ich schlage vor, wir gehen dort hinauf und schellen einfach mal.“, flüsterte nun Marlon ebenfalls.

Als sie vor der alten Tür standen, stellten sie fest, dass es nirgends eine Klingel gab, dafür aber einen großen, schweren verrosteten Eisenring mit einer aus Silber bestehenden Engelsfigur am unterem Ende.

Inzwischen hatte Lisa zu weinen aufgehört und starrte mit ihren blauen Augen gebannt auf Merlin, der jetzt mutig nach dem Türklopfer griff und diesen dreimal donnernd gegen die Türe stieß.

Nach endlosen Minuten öffnete sich langsam und laut knarrend die Türe.

Unwillkürlich traten die Kinder einen Schritt zurück und sahen zu ihrer Überraschung eine ältere Frau mit grauen Haaren in der Tür stehen. Bekleidet war sie mit einem langen schwarzen Kleid. Um ihre Hüfte herum hatte sie eine stark befleckte weiße Arbeitsschürze. Auf dem Kopf trug sie über ihren strähnigen grauen Haaren ein hellblaues Kopftuch.

Doch ihre anfängliche Überraschung schlug jäh in blankes Entsetzen um, als sie das blutige Beil sahen, das die Frau in ihrer knochigen linken Hand hielt. Marlon und auch Merlin erkannten schlagartig, dass die Flecken auf der Schürze der Frau nur Blut sein konnten.

Unfähig sich zu rühren, starrten sie fassungslos vor Angst die Frau an.

Schließlich fragte Lisa mit ihre hellen Stimme und scheinbar ohne Angst: „Bist du eine Hexe?“

Die alte Frau sah mit verkniffenen Augen auf das kleine Mädchen hinunter und fing dann laut und garstig zu lachen an. Endlich beruhigte sich die Alte wieder und sagte: „Keine Angst, ich bin nur die Köchin des Hauses und habe gerade den Truthahn einen Kopf kürzer gemacht!“

„Kopf kürzer?“, fragte Lisa, die nicht verstand, was die Frau damit meinte.

„Nun ja, schlachten halt. Heute Abend gibt es nämlich einen leckeren Truthahn-Braten!“

Inzwischen hatte sich die Angst bei Lisas Brüdern etwas gelöst und sie folgten nur zögernd der winkenden Frau ins Innere des Hauses.

„Wartet hier, ich hole euren Onkel.  – Ich bin übrigens Agathe. Schöner Name oder was meint ihr?“

Wieder lachte sie etwas zu garstig, wie es schien und verschwand dann auf der linken Seite der Eingangshalle durch einer der drei Türen, die sich dort befanden.

Während sie warteten blickten sie sich neugierig um.

Auf der rechten Seite befanden sich ebenfalls drei Türen und am Ende der etwa 20 Meter langen Eingangshalle führte eine breite Treppe nach oben.

Über ihnen hing ein schwerer Kristallleuchter mit über 30 Kerzen in kunstvollen Halterungen. Alles wirkte hier sehr alt und es schien fast so, als wäre hier im Haus die Zeit stehen geblieben.

So sehr sich Marlon auch anstrengte und die Wände mit seinen Blicken absuchte, nirgends konnte er einen Lichtschalter entdecken.

„Ein stromloses Geisterhaus.“, flüsterte er mehr zu sich selbst, doch Merlin antwortete: „Schau dir nur mal diese sechs Türen hier unten an. Das ist ja grässlich!“

„Was genau meinst du?“

„Na, diese Farben. Jede Tür hat eine andere Farbe, echt unglaublich!“

Merlin hatte recht. Wenn auch sonst alles in diesem Haus dunkel und alt erschien, diese Türen waren es nicht. Die erste Tür ganz links war rosa, die daneben lila und die hintere war in einem grellen Giftgrün gestrichen.

Auf der anderen Seite sah es nicht viel besser aus. Dort gab es eine blutrote, ein gelbe und schließlich eine in einem unglaublich hässlichen Mintgrün gestrichene Tür.

Gerade wollte Lisa etwas sagen, als sie unheimliche Schritte hörten.

Langsam wurden die Schritte lauter und schienen immer näher zu kommen. Doch sahen die Kinder zunächst niemanden. Jeder Schritt hallte als ein unheimliches Echo von den düsteren Wänden der riesigen Eingangshalle wider.

Auf einmal tauchte aus dem Nichts heraus ein großer, alter Mann auf.

Seine Augen glitzerten angsteinflößend und am rechten Ohr trug er einen großen Ohrenring, der wie eine Schlange geformt war. Seine Kleider waren zerfetzt und durch die Löcher in den Hosen sahen die Kinder die langen Beine des Mannes.

Mit einer tiefen Stimme donnerte er: „Willkommen! - Ich freue mich, dass ich euch endlich sehen darf. Es werden sicherlich spannende Ferien für euch werden!“

„Was meint er wohl mit spannend?“, flüsterte Marlon verwirrt seinem Bruder zu. Doch dieser gab ihm darauf keine Antwort und starrte stattdessen gebannt auf seinen Onkel.

„Ihr habt bestimmt Hunger oder irre ich mich da?“

Verängstigt nickten alle drei. Sie hatten noch nie so einen Mann gesehen. Er schien reich zu sein, aber trotzdem hatte er schmutzige und zerlumpte Kleidung an. Aber warum?

„Folgt mir jetzt!“, befahl ihnen ihr Onkel barsch. Langsam lief er los, worauf ihm die Kinder hastig folgten.

An den Wänden hingen seltsame Bilder. Eines zeigte eine alte Frau, die auf einem Stuhl saß. Sie war recht dick und vielleicht um die 70 Jahre alt. Es schien, als würde einen die Frau die ganze Zeit beobachten. Irgendwie ähnelte die sie stark der Köchin Agathe, die den Kindern die Türe geöffnet hatte. Doch bildeten sich dies die Geschwister sicher nur ein.

Kurz darauf standen sie im Speisesaal, der, wie alles in diesem Haus, riesig war.

In der Mitte stand ein Tisch, an dem mindestens 50 Leute Platz gehabt hätten.

An der Decke hing ein goldener Kronleuchter, der einen so hellen Schein von sich gab, dass man nicht lange in seine Richtung blicken konnte. Das Esszimmer roch natürlich nach Essen und nach so einem Alte-Leute-Geruch, den man in Häusern wie diesem wohl immer riechen konnte.

Ihr Onkel, von dem die Kinder noch immer nicht wussten, wie sein Name war, nahm am hinteren Ende des Tisches Platz. Mit einer Geste zeigte er, dass sich die drei ebenfalls setzen sollten, was sie auch sogleich taten.

Wie aus dem Nichts heraus tauchte ein kleiner, eher junger Diener auf, der den angekündigten Truthahn brachte.

Mit riesigen Augen starrte Merlin auf ihn, denn so einen großen Truthahn hatte der Junge noch nie in seinem Leben gesehen. „Der reicht doch für mindestens 10 Leute.“, flüsterte er kaum hörbar.

Der Diener reichte allen Besteck und einen silbernen Teller, welcher sogleich mit einem großen Stück Fleisch gefüllt wurde. Endlich fing der Onkel zu reden an.

„Ihr fragt euch sicher, wer ich bin. Mein Name ist Sian und ich lebe schon seit meiner Geburt hier in diesem Haus. Meine Eltern sind schon längst tot, da sie kurz nach meiner Geburt ermordet wurden. Fragt mich aber bitte nicht, von wem!“

Er machte eine kurze Pause und sprach dann langsam weiter: „Bevor wir mit dem Essen anfangen, will ich euch noch ein paar Dinge erzählen, sowie die Regeln, die in diesem Hause gelten, erläutern.

Ich habe hier im Haus mehrere Diener und wenn ihr etwas braucht, ruft nach ihnen. Sie werden euch jeden Wunsch erfüllen. Weiter hoffe ich, dass ihr Spaß an euren Ferien habt. Natürlich werdet ihr auch manchmal im Haushalt mithelfen müssen!“

Keiner von den drei Geschwistern getraute sich, auch nur eine Miene zu verziehen, obwohl sie sich unter Ferien etwas anderes als putzen oder abwaschen vorstellten konnten. Alle wollten schon jetzt wieder weg von diesem Haus. Da war ihnen ihre Mutter doch noch lieber, als dieser alte, unheimliche und unfreundliche Mann. Sie spürten, dass er vor ihnen irgendetwas etwas verbarg.

„Jetzt werde ich euch noch die Regeln erläutern. Ihr müsst sie strikt befolgen, denn wer sie nicht befolgt, hat mit schlimmen Konsequenzen zu rechnen!

Erstens: Niemand geht ohne meine Erlaubnis nach draußen. Und zweitens: In der Nacht geht ihr niemals, wirklich niemals aus eurem Zimmer!“

Diese Worte sagte er mit einem bedrohlichen Unterton, der nichts Gutes verhieß. Etwas freundlicher sagte er dann: „Agathe wird euch nach dem Essen euer Zimmer zeigen.

Doch nun die wichtigste aller Regeln: Ihr dürft auf keinen Fall durch die blau angestrichene Türe gehen. Wenn ich einen von euch dabei erwische, dann werde ich wütend, sehr wütend sogar. Ist das klar soweit?“

Wieder nickten die Kinder stumm. Alle verspürten eine ungeheure Angst in sich aufsteigen, während ihr Onkel noch weitere, zum Teil unverständliche Regeln vorpredigte. Endlich krächzte Sian: „Und nun esst, so viel ihr könnt!“

Gierig stürzten sich Merlin, Marlon und Lisa auf ihren Truthahn. Dabei hielten sie aber ihre Umgebung wachsam im Auge.

Die Regeln ihres Onkels fanden alle nicht normal und verängstigten sie.

Wieso durfte man nicht raus?

Gab es draußen Gespenster?

Und wieso war es verboten durch eine blaue Tür zu gehen? Verbarg sich dahinter ein düsteres Geheimnis. Etwas, das niemand erfahren durfte?

Die Kinder versuchten ihre vorhandene Angst zu verdrängen und waren so in ihr Essen vertieft, dass ihnen dies auch beinahe gelang.

Merlin, der nur ein Jahr jünger war als sein Bruder, versuchte krampfhaft seine Gedanken zu ordnen, während er das knusprige Fleisch herunter schlang.

Plötzlich verschluckte er sich heftig, gerade als er in seiner Gedankenwelt plötzlich Agathe vor sich auftauchen sah. In ihrer Hand trug sie das blutige Beil, mit dem sie zuvor dem Truthahn, den er gerade aß, den Kopf abgeschlagen hatte.

Merlin würgte und hustete jetzt gleichzeitig. Marlon sprang auf und schlug seinen Bruder hilfreich auf den Rücken. Endlich bekam er wieder Luft.

Wie aus weiter Ferne rief vom anderem Ende des Tisches Onkel Sian: „Ist dir nicht gut, mein Junge?“

„Doch, doch, es geht schon wieder.“ stotterte Merlin, „Ich habe mich grade nur an diesem Vögelchen hier etwas verschluckt!“

Sian lachte boshaft und dröhnend, erhob sich dann und verschwand, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, aus dem Speisesaal.

Die Kinder atmeten erleichtert auf und waren froh, dass ihr Onkel sie endlich alleine gelassen hatte. Marlon sagte dann: „Wir müssen unbedingt heraus bekommen, was hier los ist!“

„Ja, das müssen wir!“, plapperte Lisa, die mit ihren 5 Jahren irgendwie noch nicht so recht den Ernst der Lage verstehen konnte, in der sie sich alle offensichtlich befanden.

Merlin grinste, nahm eine Serviette und fing an, Lisa das Gesicht zu säubern. „Du siehst im Gesicht aus wie eine fettige Bratpfanne.“ sagte er fürsorglich, „Und erst deine Hände, überall hängt Truthahn-Fett.“

Marlon hatte sich jetzt auch eine Serviette geschnappt und half seinem Bruder bei der Säuberungsaktion ihrer kleinen Schwester.

 

Niemand bemerkte, dass Agathe völlig lautlos den Saal betreten hatte und sich leise bis hinter die Brüder heran geschlichen hatte.

In ihren Gesichtszügen machte sich ein gemeines und böses Grinsen breit, als sie langsam beide Arme hob und dann unverhofft beide Jungen mit ihren knorrigen Krallenhänden von hinten an ihren Schultern packte und sie kräftig durchschüttelte.

Entsetzt kreischten die Brüder auf und selbst Lisa entfuhr ein lauter Schrei des Grauens, als sie in das faltige Gesicht von Agathe sah, die eine höllische Grimasse zog. Lisa war sich jetzt sicher, dass Agathe eine Hexe sein musste.

„Habe ich euch etwa erschreckt?“, fragte Agathe scheinheilig und lachte leise vor sich hin, während sich die Kinder wieder etwas beruhigten.

„Ja, allerdings!“, fauchte Marlon böse.

„Nun, das wollte ich nicht!“

„Und was wolltest du dann?“, wollte jetzt Merlin wissen.

„Ihr solltet mir jetzt besser folgen. Euer Onkel hat mir aufgetragen, euch sicher in euer Zimmer zu bringen!“

Mit diesen Worten drehte sie sich herum und verließ den Saal. Die Kinder folgten ihr mit gemischten Gefühlen. Erst ging es durch die große Eingangshalle und dann die breite Treppe hinauf.

Dabei kamen sie erneut an dem Bild mit der alten Frau vorbei und wieder schien es so, als verfolgten ihre Blicke jeden ihrer Schritte. Schließlich blieb Marlon auf der Treppe stehen und rief mutig: „Warte mal, Agathe. Ich habe da eine Frage!“

Agathe blieb ebenfalls stehen und fragte ungehalten: „Und welche?“

Marlon deutete hinunter in die Halle und fragte: „Wer ist diese Frau auf dem Bild dort. Bist du das?“

Agathe veränderte schlagartig ihr Gesicht zu einer grausigen Fratze und schrie: „Falsche Frage, du böser kleiner Bengel. – Bist du denn blind? Sehe ich etwa so dick aus wie die alte Schachtel dort auf diesem Bild?“

Lisa hatte sich ängstlich an die Hosenbeine von Marlon geklammert. Instinktiv hob dieser seine zitternde Schwester schützend auf seine Arme.

Merlin war kreidebleich im Gesicht geworden und stand reglos neben seinem Bruder, der fassungslos auf die grausige Verwandlung von Agathes Gesicht starrte.

„Eine Hexe.“, flüsterte Lisa kaum noch hörbar ihren Bruder ins Ohr.

In diesem Augenblick ertönte aus dem unteren Teil des Hauses laut die Stimme von ihrem Onkel Sian. „Das reicht jetzt, Agathe! - Bring endlich diese Plagen in ihr Zimmer und sorge dafür, dass ich heute nicht mehr von ihnen gestört werde. Hast du mich verstanden?“

Kaum war die Stimme ihres Onkels verstummt, hatte sich Agathes Gesicht wieder in ihr normales zurück verwandelt. Und obwohl sie auch so nicht gerade gut aussah, war es doch um einiges erträglicher als das, was die Geschwister eben ertragen mussten.

Fast zu freundlich und leise sagte Agathe: „Mein Gott, ihr seht aus, als hättet ihr einen Geist gesehen. Was ist nur los mit euch. Hat jetzt irgendwer hier auf der Treppe noch eine Frage?“

Niemand wagte eine weitere Frage zu stellen und so folgten sie mit zitternden Knien der Köchin weiter die Treppe hinauf.

Oben angekommen deutete Agathe nach links und sagte: „Dort hinten ist die Bibliothek. Haltet euch besser fern von dort!“ Dann deutete sie zu der Treppe, die noch ein weiteres Stockwerk nach oben führte und sagte mit einer unheimlichen Stimme: „Dort oben findet ihr die blaue Tür, jene Tür, die ihr niemals öffnen dürft!“

Agathe lief jetzt rechts den Flur entlang, an zwei weiteren Türen vorbei und öffnete dann das letzte Zimmer mit den Worten: „Und hier wird in den nächsten sechs Wochen euer Zuhause sein!“

Staunend betraten sie das Zimmer, sprachlos von dem, was sie dort sahen. Das hatte niemand von ihnen erwartet.

Schließlich flüsterte Merlin: „Das ist ja ein Kinderzimmer.“

„Und noch dazu so ein uraltes.“, fügte Marlon erstaunt hinzu, „Seht euch nur mal diese alten Spielsachen an. Die sind bestimmt schon über 100 Jahre alt oder vielleicht sogar noch älter. Sag mal Agathe, wem gehörte dieses Kinderzimmer? Ist es das von Onkel Sian?“

Doch er bekam keine Antwort. Agathe war wie vom Erdboden verschluckt und die Türe, die in einer orangen Farbe gestrichen war, geschlossen.

Sie sahen sich jetzt weiter um. Links stand ein riesiges Bett. Groß genug, um drei Menschen darin Platz zu bieten.

Die Wand gegenüber wurde von einem riesigen Schrank beherrscht, der fast völlig schwarz war. Das Fenster hatte keine Griffe zum Öffnen und selbst wenn dort welche gewesen wären, hätten die Eisengitter davor jeden Fluchtversuch verhindert.

Weiter befanden sich noch ein Tisch, drei Stühle sowie mehrere Truhen in dem Raum. Und überall lag altes Spielzeug, das fast ausschließlich aus Holz bestand. Es gab ein Schaukelpferd, Holzautos und vieles mehr.

Das alles aber war harmlos, verglichen mit dem, was jetzt noch folgte.

Marlon entdeckte es zuerst und schrie überrascht auf.

Merlin drehte sich zu ihm um und sah in die Richtung, in die sein Bruder sichtlich geschockt blickte. Entgeistert schaute er auf das riesige Ölbild, das direkt über dem großen Bett hing.

Minutenlang starrten die Kinder auf das Gemälde, unfähig auch nur ein Wort zu sagen.

Auf dem Bild war deutlich ein geöffneter Sarg zusehen, neben dem zwei dicke und große, schwarze Kerzen brannten.

In dem Sarg selbst lag ein toter Junge aufgebahrt, dessen Hände gefaltet und die Augen geschlossen waren. Und doch erkannten alle, dass dieser Junge dort aussah wie Merlin. Aber wie konnte das sein?

Die Brüder starrten weiter völlig entgeistert auf dieses Bild.

Wieso war Merlin auf diesem Bild, in einem Haus, in dem er noch niemals zuvor gewesen war? Und warum lag er auf diesem unheimlichen Bild tot in einem weißen Sarg?

Marlon‘s Gedanken überschlugen sich. Dieser Junge dort auf  dem Bild konnte nicht sein Bruder sein. Es musste jemand anderes sein. Schließlich stammelte er: „M-m-merlin, der dort sieht genauso aus wie du. Das kann doch nicht sein? Ich meine, du stehst lebendig neben mir und lebst!“

Merlin fasste nach der Hand seines Bruders und flüsterte mit krächzender Stimme: „Doch Marlon! Das dort bin ich wirklich. Und siehst du, was für Anziehsachen der an hat?“

„Ja, der dort hat das gleiche an wie du.“, hauchte er fassungslos vor Angst.

„Aber wieso bin ich tot, Marlon? – Ich habe Angst. Richtige Angst!“

Während Merlin sprach, drückte er sich an seinen Bruder heran, verkrallte sich förmlich in Marlon‘s Hand und schrie dann panisch: „Wir müssen hier schleunigst verschwinden!“

Marlon nickte nur und sah zu Lisa, die staunend noch immer das alte Ölgemälde anstarrte.

Etwas ängstlich fragte sie dann: „Warum liegt Merlin da in einer weißen Kiste?“

Marlon kniete sich jetzt vor seiner kleinen Schwester hin und sagte ernst: „Lisa, Schatz, ich möchte, dass du dieses Bild nicht mehr anschaust!“

Lisa nickte und Marlon strich ihr zärtlich über ihr bleiches Gesicht.

Merlin war nun ebenfalls in die Hocke gegangen und sagte ängstlich und wütend zugleich: „Ich werde zu unserem Onkel gehen und ihn fragen, was dieses Bild hier zu bedeuten hat. Und wenn ich ihn nicht finden kann, werde ich diese Hexe von Agathe bestimmt in ihrer verdammten Hexenküche finden und sie danach fragen!“

Wütend und ermutigt von seinen eigenen Worten war Merlin aufgesprungen und zu der Tür gelaufen, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Zornig drückte er die Türklinke hinunter, doch die Türe ließ sich nicht öffnen.

„Verdammt.“, schrie er, „Die Tür ist verschlossen! - Wieso hat diese alte Hexe das gemacht?“

Marlon zuckte mit den Schultern und Lisa, die nicht verstand, warum Merlin so rumschrie, fing leise zu weinen an.

Marlon nahm sie auf den Arm und sagte beruhigend zu ihr: „Schon gut Kleines, keine Angst. Wir werden einen Plan machen, um hier wieder raus zu kommen.“

„Ich will zu Mama!“, schluchzte Lisa.

„Ich glaube, das wollen wir alle!“, rief Merlin, der sich inzwischen etwas beruhigt hatte. Er hatte sich auf das große Bett geworfen und sagte nun: „Marlon glaube mir, wenn dieses Bild heute Nacht über mir hängt, werde ich niemals einschlafen können!“

Marlon war sich sicher, dass er das auch nicht konnte und deshalb hängten sie das unheimliche Gemälde von der Wand ab und verstauten es in dem schwarzgrauen Schrank gegenüber des Bettes.

Marlon sagte dann: „Es ist schon spät und wir sind alle müde, es war ein harter Tag. Wahrscheinlich hat Agathe die Türe nur aus Versehen verschlossen.“

„Das glaubst du doch selbst nicht!“, ereiferte sich Merlin.

Marlon schüttelte müde den Kopf und sagte: „Heute können wir sowieso nichts mehr unternehmen. Also lasst uns schlafen gehen und morgen sehen wir dann weiter!“

Mit diesen Worten legte sich Marlon in das riesige Bett und versuchte einzuschlafen.

Merlin und Lisa folgten seinem Beispiel. Lisa legte sich in die Mitte des Bettes, während Merlin rechts von ihr auf die Matratze sank.

Trotz der Aufregungen in den vergangenen Stunden waren sie schon nach einigen Minuten eingeschlafen.

 

 

Merlin erwachte als Erster wieder. Er fragte sich, wie spät es wohl war, doch da draußen die Sonne schien, musste es schon relativ spät sein.

„Aufstehen!“, rief er laut.

Als Marlon und Lisa verschlafen die Augen öffneten, lächelte Merlin sie an, obwohl ihm überhaupt nicht danach zumute war. Er musste immer noch an das Bild denken, dass sie in dem schwarzen Schrank verstaut hatten.

„Guten Morgen.“, gähnten Lisa und Marlon fast gleichzeitig. Auch Merlin wünschte ihnen einen guten Morgen. Marlon stand auf und lief zu der Tür. Anziehen musste er sich nicht. Er hatte seine Kleider am Abend nicht ausgezogen.

Jetzt drückte er den Türgriff nach unten und zu seinem Erstaunen war sie nicht mehr verschlossen.

„Sie ist offen!“, verkündete er freudig seinen Geschwistern, „Wollen wir aus dem Zimmer gehen? Am Tag dürfen wir das doch, oder?“

Die anderen zwei nickten aufgeregt und gemeinsam traten sie auf den Flur hinaus.

 

Niemand war zu sehen und deshalb schlichen sie leise, vorbei an unheimlichen Bildern, in die Richtung der Bibliothek. Vielleicht fanden sie ja dort eine Erklärung auf die unheimlichen Dinge, die sich hier im Haus abspielten.

Kurz darauf standen sie vor der riesigen Bibliothekstüre.

Sie war aus glänzendem Metall und sah nicht so aus, als wollte sie geöffnet werden. Fast schien es so als sagte sie: „Haltet euch von dieser Bibliothek fern!

Doch die Kinder ignorierten diese Warnung und versuchten, die schwere Türe zu öffnen. Sie war unheimlich schwer, doch nicht zu schwer für Marlon. Er war schon immer der stärkste in der Familie gewesen.

Mit einem Knirschen und Knacksen öffnete sich die Bibliothekstüre. Marlon hielt sie offen, bis die anderen zwei eingetreten waren, bevor er sie wieder und behutsam schloss.

Im Inneren der Bibliothek herrschten eine eisigen Kälte und eine angsteinflößende Dämmerung.

In vielen Regalen standen unglaublich viele Bücher, die mit einer dicken Staubschicht überzogen waren. Überall hingen Spinnenfäden von der Decke.

Lisa schrie entsetzt auf, als sie auf eine unglaubliche fette Spinne trat, die mit einem schmatzenden Geräusch zerplatzte. Das Mädchen hatte unheimliche Angst vor Spinnen und, so wie es Mama immer nannte, eine Phobie.

„Hier drinnen hat es viele Spinnen. Schließe einfach deine Augen. Marlon wird dich schon führen!“, sagte Merlin, der jetzt einen weiteren Gang mit Bücherregalen betreten hatte.

Von den anderen ungesehen rief er: „Ich glaube wir sind die Ersten, die seit Jahren diese Bibliothek betreten haben. Wir sollten besser umdrehen und in unser Zimmer...“

Doch weiter kam der Junge nicht mehr.

Etwas packte ihn von hinten. Merlin schrie auf und versuchte dem Etwas in die Augen zu schauen. Doch in dem Gang, in dem er sich gerade befand, war es so düster, dass er nichts erkennen konnte.

Er spürte, wie sich etwas in seine Schultern bohrte. Verzweifelt und wild um sich tretend, schrie er: „HILFE, HILFE..., so helft mir doch!“

Der unbekannte Angreifer hatte den Jungen jetzt zu Boden geworfen und zerrte ihn achtlos hinter sich her.

Marlon stürzte in den Gang, in dem er Merlin zuletzt gesehen hatte und konnte gerade noch erkennen, wie die wild strampelnden Beine seines Bruders um die Ecke des Ganges verschwanden.

Er stürzte hinterher, Lisa an einer Hand mit sich ziehend, doch in den  Labyrinth ähnlichen Gängen aus Bücherregalen, verloren er das unbekannte Ungeheuer, von dem er nur schemenhafte Umrisse erkennen konnte, schnell aus den Augen.

Marlon gab schließlich auf und setzte sich erschöpft auf den Boden.

Lisa hatte noch immer ihre Augen geschlossen und fragte dann verstört: „Was sollen wir nur machen?“

„Erst mal sollten wir diesen unheimlichen Ort verlassen. Merlin ist nicht mehr hier und...“

Ein Geräusch ließ ihn verstummen und er blickte auf. Über die Regale hinweg sah er, dass für kurze Zeit helles Licht in die dunkle Bibliothek eindrang. Das knirschende Geräusch, das er dabei hörte, wurde eindeutig von der schweren Eingangstür verursacht.

Zu Lisa flüsterte er: „Entweder ist gerade jemand hinaus, oder schlimmer noch, jemand hier herein gekommen!“

Angestrengt lauschten sie in die unerträgliche Stille hinein, doch nichts war zu hören. Schließlich erhob sich Marlon und flüsterte: „Los geht’s, wir hauen ab!“

Wenigstens wussten sie jetzt, in welcher Richtung sich der Ausgang befand. Nur wenig später hatten sie die Metalltür erreicht. Gerade wollte Marlon sie öffnen, als er mit dem Fuß gegen etwas stieß.

Überrascht blickte er zu Boden und entdeckte dort ein kleines, in Leder gebundenes Buch. Rasch hob er es auf und sagte: „Das lag vorhin noch nicht hier!“

„Hat es jemand hier verloren?“, wollte Lisa wissen.

„Entweder das, oder jemand hat es mit Absicht dort hingelegt. Wir sollten es wohl finden.“, flüsterte Marlon ihr zu, während er vorsichtig die Türe öffnete. Behutsam steckte er den Kopf in den Flur hinaus. Niemand war zu sehen oder zu hören. Deshalb zog er jetzt Lisa mit sich hinaus in den Flur. Beide rannten so schnell sie konnten zu ihren Zimmer zurück.

 

 

Insgeheim hatte Marlon gehofft, seinen Bruder dort zu finden, doch wurde er enttäuscht. Merlin blieb verschwunden.

Der Junge hatte sich auf das Bett gesetzt und das geheimnisvolle Buch geöffnet.

Was er auf der ersten Seite las, verschlug ihm doch etwas die Sprache. Mit einer Schrift, die er nur allzu gut kannte, stand dort geschrieben:  Tagebuch von Maria Berlinz

Leise flüsterte er: „Das ist das Tagebuch unserer Mutter!“

Als Kind hatte sie zusammen mit Sian, ihren Bruder, in diesem schrecklichen Haus gelebt und wohl damals dieses Tagebuch geschrieben.

Gerade wollte er umblättern, als es heftig an die Türe klopfte und diese fast gleichzeitig von Agathe aufgerissen wurde.

Marlon schlug hastig das Tagebuch zu, versteckte es hinter seinem Rücken und stammelte: „Ich habe noch nicht herein gesagt!“

Agathe funkelte ihn böse an, sagte aber dann mit ungewöhnlicher Freundlichkeit: „Wie ich sehe, haben die Herrschaften wohl verschlafen und das Frühstück verpasst!“

„Ja, sieht so aus!“, sagte Marlon unsicher.

„Wo ist euer Bruder Marvin?“, zischte Agathe neugierig.

„Er ist von...“, begann Lisa, doch Marlon stieß sie unsanft an und sagte: „Der ist auf dem Klo!“ Dabei deutete er auf die Wand, an der auch der schwarzgraue Schrank stand. Direkt daneben führte eine kleine unscheinbare Türe in ein Badezimmer.

Agathe zog ihre buschigen, grauen Augenbrauen hoch und sagte dann etwas gedehnt: „So, so, Marvin ist also auf dem Klo!“ Dabei ließ sie ihre stechenden, grauen Augen suchend durch das ganze Zimmer schweifen und blieb schließlich mit ihrem Blick an dem hellen Fleck, der sich an der Wand über dem Bett befand, hängen.

Ihr faltiges Gesicht, das ohnehin schon sehr bleich war, verblasste nun völlig. Drohend kam sie auf Marlon und Lisa zu und schrie unbeherrscht: „Wo ist das Bild geblieben. Was habt ihr damit angestellt?“

Die Geschwister waren entsetzt zurück gewichen und Marlon stammelte ängstlich: „Wir, wir haben es dort in den Schrank gelegt!“

Agathe drehte wie in Zeitlupe ihren Kopf zu dem Schrank hinüber und rief: „Oh, mein Gott, ihr seid es wirklich.

All die vielen Jahre haben wir auf euch gewartet, gewartet auf jene, die uns von dem Fluch befreien werden und...“

Marlon, der nicht so recht wusste, wovon Agathe da sprach, unterbrach sie unsicher: „Was? Was sind wir?“

Doch statt dass sie eine Antwort zu bekamen, geschah jetzt etwas Unheimliches.

Agathe fing an zu schweben und ihr Gesicht wurde durchsichtig. Lisa flüsterte ängstlich: „Ich glaube, ich sehe einen Geist.“

„Und ich tote Menschen.“, wisperte Marlon und sah dabei gebannt auf das unheimliche Schauspiel, unfähig sich dabei zu bewegen.

Agathes Geist lachte jetzt irre vor sich hin und rauschte dann, mit dem Kopf voran, durch die mit Holz vertäfelte Zimmerdecke davon.

 

 

Es dauerte noch gute fünf Minuten, bis der Junge endlich seine Sprache wieder gefunden hatte. „Ich glaube, wir sind in einem verfluchten Geisterhaus.“, flüsterte er fassungslos.

Lisa schluckte und fragte ängstlich: „Du meinst, alle hier im Haus sind schon lange tot? Die Diener und auch unser Onkel?“

„Genau das meine ich!“

Marlon nahm erneut das Buch zur Hand. Er hoffte, darin einen Hinweis zu finden, doch wieder kam er nicht dazu, es zu lesen. Denn aus dem schwarzen Schrank ertönte laut und deutlich eine helle Jungenstimme, die flehend schrie: „Helft mir, bitte helft mir doch..., es ist kalt und so dunkel...

Lisa kreischte vor Angst und klammerte sich panisch an ihrem Bruder fest.

Bitte...“, tönte es aus dem Schrank weiter, „Jemand mauert mich ein, ich ersticke...

Wie ein hypnotisiertes Kaninchen starrte Marlon auf den Schrank, aus dem die unheimlichen Hilferufe kamen. War das ihr Bruder? Oder war es der tote Junge auf dem Bild? Marlon wusste es nicht.

Hilfe, bitte..., geht dahin, wo ihr nicht hin sollt. Es ist so dunkel hier..., ich werde lebendig eingemauert...

Die Stimme wurde jetzt leiser und Marlon war aufgesprungen. Laut und mutig rief er: „Meinst du oben im Haus? Bist du etwa in dem verbotenen Raum mit der blauen Tür?“

Doch die Geisterstimme des unbekannten Jungen im Schrank war verstummt.

Marlon startete jetzt noch einmal den Versuch, das Tagebuch seiner Mutter zu öffnen. Er schlug es wahllos auf irgendeiner Seite auf und las:

Geisterhafte Stimmen

Immer bei Vollmond höre ich flüsternde Stimmen eines wohl recht jungen Knaben. Ich weiß nicht, wer das ist. Schon mehrere Male habe ich versucht, ein Gespräch mit dem „Geist“ zu führen, aber nie hat es geklappt. Mehrmals habe ich versucht, den Jungen hinter der blauen Türe zu suchen, -vergebens. Von nun an verkrieche ich mich bei Vollmond immer unter meiner Decke.

Marlon blickte auf und rief aufgebracht: „Verdammt Lisa, heute Nacht wird Vollmond sein!“

„Werden wir dann den Geist suchen?“

Marlon schüttelte den Kopf, schlug das Tagebuch seiner Mutter zu und sagte energisch: „Nein, solange werden wir nicht warten. Ganz sicher nicht. Wir gehen jetzt, am Tag! - Und dieses Buch hier nehmen wir mit. Ich habe das Gefühl, dass wir es noch brauchen werden!“

Mit Lisa an der Hand lief er aus dem Zimmer.

Schnurstracks trottete er zu der Treppe, die hinauf zu der unheimlichen blauen Tür führte. Erst jetzt sah er, dass diese Treppe ziemlich marode und baufällig aussah. Aber das hielt die Geschwister jetzt auch nicht mehr auf.

Langsam und bedächtig liefen sie die knarrenden Stufen hinauf. Bei jedem weiteren Schritt wuchs bei beiden das ungute Gefühl, dass die Treppe unter ihnen jeden Augenblick einstürzen könnte.

Mit jeder Stufe höher, sahen sie ein Stück mehr von der blauen Tür, die sich als einzige Türe am Ende der Treppenstufen bedrohlich breit machte.

Die Tür war in einem dunkelblauen Farbton gestrichen, doch die Farbe schien sehr alt zu sein und blätterte langsam von ihr ab.

Anders als die Bibliothekstüre war sie viel kleiner, aus Holz und sah auch viel leichter aus. Wenn sie diese Türe jetzt öffneten, brachen sie die oberste Regel des Hauses. Was für eine Strafe würde sie dann erwarten?

Marlon schob diese Gedanken beiseite und versuchte entschlossen, die Türe zu öffnen. Doch zu seiner Enttäuschung war sie verschlossen.

„Der Schlüssel, wo ist nur der Schlüssel?“, fragte Marlon etwas ratlos und mehr zu sich selbst.

Gerade wollte Lisa ihm darauf antworten, als unverhofft jemand von der anderen Seite an die Türe klopfte.

„Wer ist da?“, rief Marlon aufgeregt, „Merlin?“

Aber er bekam keine Antwort. Stattdessen klopfte es weiter, immer lauter und aggressiver. Unerbittlich wurde es zu einem dröhnenden Hämmern.

„Marlon, ich will hier weg!“, krächzte Lisa ängstlich, die sich schützend hinter Marlon verkroch.

„Ich will auch hier weg, Kleine, aber Merlin ist nicht bei uns. Ohne ihn können und werden wir nicht von hier weg gehen!“

In diesem Moment verstummte der Lärm abrupt und wurde ersetzt durch ein Geräusch, das beiden fast das Blut in den Adern gefrieren lies.

Irgendjemand hatte von der andern Seite der Tür einen Schlüssel in das Türschloss gesteckt und drehte diesen jetzt knirschend herum.

Lisa fing an zu schreien: „Marlon, wer ist das? - Wer ist das!“

Marlon, der kreidebleich geworden war, gab ihr keine Antwort, sondern starrte auf die Türe, die wohl jeden Moment von irgendeinem Unbekannten geöffnet werden würde. Falls jemand sie angreifen würde, Marlon war trotz seiner Angst bereit zu kämpfen.

Langsam und knarrend öffnete sich die blaue Tür einen kleinen Spalt breit.

Die alten Scharniere der Türe quietschten erbärmlich. Es hörte sich fast wie ein Jammern an, als die Türe sich Stück für Stück weiter öffnete und schließlich den Blick dahinter freigab.

Marlon war fassungslos und entrüstet zugleich, als er feststellte, dass niemand zu sehen war.

Kein Merlin und kein flüsternder Junge. Alles was er sah, war ein in fast völlige Dunkelheit gehüllter Gang.

Der Junge fragte sich, wie das möglich war. Wer hatte den Schlüssel gedreht?

„Bleib neben mir, Lisa!“, forderte Marlon seine Schwester jetzt auf und wagte dann den ersten Schritt ins Ungewisse. Es roch nach verrottetem Holz und der Boden war nass und mit Moos überwachsen. Es knackste fürchterlich und Lisa flüsterte, während sie immer weiter vordrangen: „Könnte es der Geist von Agathe gewesen sein, der uns die Türe von innen geöffnet hat?“

„Ich weiß es einfach nicht.“, gab Marlon ihr leise und ratlos zur Antwort.

Schritt für Schritt wagten sie sich weiter in die Dunkelheit hinein.

Inzwischen waren sie bestimmt 20 Meter weit dem dunklen Gang gefolgt, als Marlon glaubte, in dem diffusen Licht vor sich so etwas wie eine Abzweigung erkennen zu können.

Plötzlich und völlig unerwartet für die Kinder, erschallte ein furchtbares und laut dröhnendes Gelächter durch den unheimlichen Gang.

Gehetzt sahen sie sich um, doch niemand war zu sehen. Immer lauter wurde das garstige Gelächter, so dass die Geschwister sich die Ohren zuhalten mussten.

Lisa weinte und schrie vor Entsetzen, was die ganze Situation nur noch verschlimmerte.

„Wer lacht da!“, kreischte Lisa verzweifelt, doch Marlon konnte sie nicht verstehen.

Langsam entwickelte sich aus dem Lachen ein Brüllen und Marlon glaubte jetzt die Stimme von Agathe aus dem Lärm heraus zu hören. Deshalb schrie Marlon in die Dunkelheit des Ganges hinein: „Sag mir wo Merlin ist, Agathe, du widerliches Ding!“

Doch Agathe war nirgends zu sehen und statt zu antworten, brüllte und lachte sie weiter mit ihrer schrecklichen Stimme durch den Gang.

Mutig ging Marlon jetzt weiter, weiter auf die Abzweigung zu, die jetzt immer deutlicher zu erkennen war.

Endlich waren sie bei der Abzweigung des Ganges angelangt und Marlon beugte sich vorsichtig ein kleines Stück nach vorne, um zu sehen, was sie hinter der nächsten Ecke erwarten würde. Doch was er sah, ließ ihn vor Angst erstarren.

Eine aus sich heraus leuchtende, unheimliche Gestalt saß kauernd vor einer Mauer, in der Marlon ganz deutlich eine Lücke erkennen konnte. Eine Lücke, die gerade so groß war, das noch ein einziger Stein hinein passen würde. Und diesen fehlenden Stein hielt diese dunkle Gestalt in ihren klauenartigen Händen.

Das Gelächter von Agathe war schlagartig verstummt und wurde nun ersetzt durch ein leises Jammern, das aus dem Loch in der Mauer zu kommen schien.

Jetzt erhob sich die unbekannt Kreatur wie in Zeitlupe und drehte dabei erbarmungslos ihren Kopf, der aussah wie der Kopf einer uralten Mumie, zu Marlon herum. In dem zerfetzten rechten Ohr konnte der geschockte Junge deutlich einen silbernen, schlangenförmigen Ohrring erkennen.

Entsetzt flüsterte Marlon: „Oh mein Gott. - Onkel Sian!“

Mit einer grausigen Stimme raunte die Sian Gestalt: „Ja, ich heiße SIAN, doch dein Onkel bin ich nicht!“

Obwohl Marlon vor Angst schlotterte, war er jetzt ganz um die Ecke des Ganges herum getreten. Lisa klammerte sich ängstlich an ihren Bruder, der jetzt stotternd fragte: „Wer, wer bist du denn?“

„Wer, wer bi...!“, äffte ihn die Sian-Mumie gehässig nach, „Das möchtest du wirklich wissen?“

Bevor Marlon darauf antworten konnte, trat die geisterhafte Gestalt von Agathe aus der Mauer heraus und kicherte garstig: „Wir sind deine Ururururur-Großeltern, ja das sind wir wohl!“

Und laut kreischend fügte sie hinzu: „Und wir sind Mörder, bis in alle Ewigkeit dazu verflucht, aus jeder kommenden Generation einen männlichen Nachkommen hinter dieser Mauer...“

„Einzumauern!“, unterbrach sie Marlon sichtlich geschockt.

Jetzt ertönte aus dem Loch in der Mauer eine ängstliche Jungenstimme: „Marlon? – Bist du das? Hilf mir bitte, ich will hier nicht sterben!“

„Keine Angst, Brüderchen. Noch können sie den letzten Stein nicht einsetzen!“, rief Marlon laut und mutig zugleich.

Sian und Agathe heulten wütend auf und kreischten fast gleichzeitig: „Woher weißt du das, Marlon!“

In Marlons Kopf überschlugen sich die Gedanken.

In dem Tagebuch seiner Mutter hatte er gelesen, dass die Stimme eines Jungen immer bei Vollmond mit ihr Kontakt aufgenommen hatte. Daraus schloss Marlon, dass der Junge von seinen eigenen Eltern, nämlich Sian und Agathe, in einer Vollmondnacht hier oben eingemauert worden war.

Jetzt aber war noch kein Vollmond. Es war noch heiligster Tag und deshalb hatte Sian den letzten Stein auch noch nicht in die Mauer eingefügt, hinter der jetzt sein Bruder Marvin um sein Leben bangte.

Marlon holte tief Luft und sagte, während er das Tagebuch seiner Mutter aus seinem Hosenbund zog: „Weil es hier drin geschrieben steht!“

Entsetzt wichen die beiden Geister bis zu der Mauer zurück, als sie das Tagebuch erblickten.

Marlon wurde jetzt mutiger und machte einen weiteren Schritt auf die Mauer zu und Agathe heulte zornig auf: „Das wirst du nicht wagen!“

„Was werde ich nicht wagen?“, fragte Marlon und ging einen weiteren Schritt auf die Mauer zu.

Gleichzeitig hörte er eine helle Jungenstimme an seinem Ohr, die flüsterte: „Du wirst unsere Seelen und deinen Bruder befreien können, wenn du das Tagebuch in die Mauer steckst...

Marlon glaubte, dass die Jungenstimme von einem der Opfer stammen musste, die das mörderische Geisterduo seit Hunderten von Jahren bei lebendigem Leibe hier eingemauert hatten. Wie viele mochten es wohl gewesen sein?

Er schob diese Gedanken beiseite und ging mutig weiter, immer weiter auf die Mauerlücke zu, hinter der er jetzt die ängstlichen Augen seines Bruders erkennen konnte.

Doch Sian stellte sich jetzt genau vor das Loch und fauchte boshaft: „An mir kommst du nicht vorbei!“

Marlon hatte jetzt überhaupt keine Angst mehr und flüsterte zu Lisa, die sich immer noch mit geschlossenen Augen an ihn klammerte: „Du musst mich jetzt los lassen, bitte Lisa. Ich schaffe es sonst nicht!“

Lisa gehorchte und dann sagte Marlon zu der Sian-Mumie: „Ich möchte ja auch gar nicht an dir vorbei, du Scheusal!“

Während er dies sagte, spannte Marlon seine Muskeln an, hechtete mit dem Buch voran direkt auf Sian zu und schrie dabei: „Ich werde einfach durch dich hindurch gehen!“

Als Marlon mit seinen Händen in Sian eintauchte, spürte er eine eisige Kälte, doch er ignorierte sie. Tastend suchte er nach dem Loch in der Mauer und fand es auch gleich. Rasch drückte er das Tagebuch hinein und dann explodierte die Welt um ihn herum in einem gleißend hellen und warmen Licht. Dann verlor er sein Bewusstsein...

 

 

 

„...Marlon? Komm schon, bitte wach auf!“

Etwas klatschte kräftig gegen seine Wange und verwirrt öffnete Marlon seine Augen. Über ihm sah er das besorgte Gesicht von Marvin, der jetzt erleichtert sagte: „Man, hast du mir eine Angst eingejagt!“

Marlon richtete sich auf und sah sich verwirrt um. Um ihn herum standen verfallene Mauerreste und Lisa rief: „Du hast etwas gefunden und dann bist du einfach umgefallen!“

Marlon merkte erst jetzt, dass er krampfhaft etwas in seinen Händen hielt und als er erkannte, was es war, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Er klappte das Buch auf und las: < Tagebuch von Maria Berlinz > Rasch schlug er das Buch wieder zu und flüsterte fragend: „Was machen wir hier, ich meine, warum sind wir hier in dieser Ruine?“

Merlin schaute besorgt auf seinen kreidebleichen Bruder und sagte dann ernst: „Ich glaube, du hast einen Sonnenstich. Wir hatten eine Autopanne, weißt du das nicht mehr? Genau hier vor dieser Ruine. Mama sagte, dass sie als Kind einmal hier...“

„Ich weiß!“, unterbrach ihn Marlon.

In diesen Augenblick ertönte eine laute Auto-Hupe und die Stimme ihrer Mutter rief: „Na kommt schon Kinder, ich glaube, ich habe den Motor von unserem alten Golf wieder zum Laufen gebracht!“

Lisa rannte los und Merlin half seinem Bruder auf die Beine. Gerade wollte er etwas sagen, als sich das Buch in seinen Händen in Staub auflöste, der von einem kühlen Luftzug getragen, sich in den Mauerresten der Ruine verteilte.

Mit dem Staub des Buches, verblassten auch schnell die unguten Erinnerungen in Marlon‘s Kopf. So auch die Erinnerung an einer geheimnisvollen, blauen Tür...

 

...und das war auch gut so!

 

Ende

 

 

© by Marc Dean & Moritz W. Haus 2009/2020

 

 

 

Diese Geschichte ist 2013 in den gleichnamigen eBook Der Monster 3DS von Moritz W. Haus erschienen, in dem noch weitere Gruselgeschichten für Kinder zu finden sind.

 

 

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