Das Tor des Schreckens

Eine Gruselgeschichte von Moritz W. Haus

(2013/2016)

 

 

 

Julian fluchte leise vor sich hin als er nun mehr zum dritten Mal das düstere und muffige Kellergewölbe ihrer Schule betrat.

Begleitet wurde er von Jasper, der mit ihm zusammen einen ausrangierten Schultisch schleppte. Einen von insgesamt 25 Tischen, die allesamt noch aus ihrem Klassenzimmer bis hierher transportiert werden mussten.

„Ich schwöre, bei allem was mir heilig ist, dass ich nach den Sommerferien keine Streiche mehr spielen werde!“, stöhnte Jasper, nachdem beide ihre Last ordnungsgemäß auf den dafür vorgesehenen Platz abgestellt hatten.

„Ach ja? – Das glaubst du doch selber nicht!“, fauchte Julian ihn etwas ungehalten an. „Wenn ich dich und deine Zwillingsschwester Nele nicht kennen würde, wäre ich schon längst auf dem Weg ins Freibad und müsste mich jetzt nicht, ausgerechnet am letzten Schultag vor den Sommerferien, mit dieser Strafarbeit beschäftigen. Noch dazu bei dieser Hitze!“

„Ach komm schon Julian. Dieses Ekelpaket von Hausmeister hat es doch gar nicht anders verdient.

Und denk doch nur mal daran, wie blöd der aus seiner Wäsche geklotzt hat, als sich der Eimer mit der stinkenden Suppe über seinen Kopf entleert hat!“

Julian konnte sich ein leichtes grinsen nicht verkneifen, verzog dann aber etwas angewidert sein Gesicht, als er daran dachte, wie er mit Jasper zusammen den Eimer mit der besagten Suppe aus dem Biomüll Container ihrer Schulkantine gefüllt hatte.

Dort hatte die Suppe nämlich in nur drei Tagen bei fast 30 Grad Außentemperatur ein interessantes Eigenleben entwickelt. Und zwar in Form von fetten Maden, die diesen ungenießbaren Eintopfmatsch, ganz im Gegensatz der meisten Schüler, doch tatsächlich zum fressen gern gehabt hatten.

Mal abgesehen von den widerlichen Maden und den vielen Fliegen, war der Gestank fast unerträglich gewesen.

„Vielleicht hätten wir bei diesem Eimer Türen Streich doch besser Wasser genommen, dann wäre die Strafe vielleicht nicht so schlimm geworden.“, sagte Julian reumütig und schaute sich dann interessiert in dem riesigen Kellergewölbe um.

 

 

Bis zum heutigen Tage hatten die Jungen überhaupt nicht gewusst, dass sich unter dem Hauptgebäude ihrer Gesamtschule ein solcher Keller befand. Noch dazu in dieser unglaublichen Größe.

Sie schätzten die Grundfläche dieses Lagerkellers auf mindestens 100 Quadratmeter, wenn nicht sogar noch größer.

Die Kellerdecke war etwa 2,50 hoch und wurde alle zehn Meter von dünnen Betonsäulen getragen.

An der Decke selbst befanden sich nur einige nackte Glühbirnen, die den Keller aber nur schwach ausleuchteten und ihn so doch recht düster erscheinen ließen.

Hier unten landete so ziemlich alles, was nicht mehr im normalen Schulbetrieb gebraucht wurde.

Neben unglaublich vielen alten Tischen, Stühlen und Schränken lagerten hier auch alte Schultafeln, Karten und vieles andere mehr.

In verstaubten Regalen gammelten unzählige alte Schulbücher vor sich hin und in einem mit Stellwänden abgetrennten Bereich standen alte Monitore herum. Dazwischen befanden sich noch viele recht merkwürdig aussehende Computer, die allesamt mit einer dicken Staubschicht überzogen waren.

Jasper trat an diese urtümlich aussehenden Geräte heran und rief seine Freund zu sich heran.

„Hast du so etwas schon mal gesehen?“

„Klar, mein Vater hat auch so ein Teil bei sich im Keller stehen!“

Dabei deutete er auf einen alten C-64 Computer, der eigentlich nur aus einer Tastatur und einem Diskettenlaufwerk bestand.

Neugierig sahen sie sich weiter um und als Julian um einen großen alten Schrank herum ging, stieß er völlig unerwartet mit einem dort hängenden Skelett zusammen.

Entsetz schrie er auf, beruhigte sich aber gleich wieder, als er erkannte, dass es sich bei dem Knochenmann nur um ein altes Schulmodell handelte.

Hinter dem ersten Skelett hingen noch einige weitere Exemplare, die mehr oder weniger nicht mehr ganz vollständig waren.

Jasper bückte sich und hob einen dort liegenden Schädel auf und studierte ihn eingehend.

Schließlich steckte er seine Hand hinein, erfasste das mit Drähten zusammen gehaltene Gebiss und bewegte es dann wie bei einer Handpuppe auf und ab.

Die Zähne klapperten aufeinander und dann sagte Jasper mit verstellter Stimme: „Julian mein alter Freund. – Wenn du nicht schön brav deine stinkende Schulsuppe auf isst, wirst du bald so aussehen wie ich und dann mit mir zusammen für alle Zeiten hier unten abhängen müssen!“

Julian brach darauf in ein schallendes Gelächter aus, was sich hier unten aber irgendwie unheimlich und dumpf anhörte.

Jasper lies jetzt den Schädel auf den Betonboden fallen wo er zweimal kurz auf sprang und dann liegen blieb.

Aber nicht lange.

Julian trat zu und schon flog der scheinbar aus Kunststoff bestehende Schädel wie ein Geschoß durch den Lagerkeller. Er überflog einen Berg wild aufeinander gestapelter Stühle und entschwand dann ihren Blicken.

„Los, den holen wir uns wieder und dann kicken wir hier unten etwas Schädelball!“, schrie Jasper freudig erregt und spurtete auf den Stuhlberg zu.

Doch sehr weit kam er nicht.

Wie aus dem nichts heraus tauchte plötzlich seine Zwillingsschwester Nele vor ihm auf, die zwei Schulstühle mit sich herum schleppte.

Ziemlich unsanft stießen beide zusammen und landeten so unverhofft auf dem kühlen Kellerboden.

Nele rappelte sich fluchend auf und fauchte wütend ihren Bruder an: „Sag mal geht’s noch Jasper?“

„Sorry Schwesterherz, hab dich nicht kommen sehen. Tut mir echt leid!“

„Wieso rennst du eigentlich hier unten wie irre herum?“, motzte Nelle weiter während sie ihre Stühle zu dem Stuhlberg stellte.

Ähm…, na ja, weißt du Nele, das sage ich dir besser nicht. Du könntest sonst Angst bekommen und…“

„Angst? – Wo vor sollte ich denn schon Angst haben?“, unterbrach Nele ihren Bruder etwas barsch.

„Na ja, gerade haben wir hier eine riesige fette Ratte entdeckt. Ein wahres Ungeheuer von Ratte. Sie war fast so groß wie eine ausgewachsene Katze und...“

Hier unterbrach ihn Julian, der jetzt erkannt hatte, was sein Freund vor hatte und sagte eifrig: „…Und unglaublich langen, spitzen Zähnen. – Ich sage dir, dieses Vieh muss wirklich hungrig gewesen sein, denn als wir es entdeckten, nagte es sich gerade da hinten durch einen dieser Betonpfeiler.“

Dabei deutete er wage in die Dunkelheit hinter sich.

Nele starrte beide Jungen nur ungläubig an und fragte dann etwas unsicher: „Echt? – Oder wollt ihr beide mich nur verarschen!“

Die Jungen schüttelten ernsthaft ihre Köpfe und sagten fast gleichzeitig: „Wir schwören, bei allem was uns heilig ist!“

„Und wo bitte schön ist diese Monsterrate jetzt hin?“, erkundigte sich Nele jetzt mit deutlich angespannter Stimme.

„Sie ist dort unter diese Stühle gerannt.“, flüsterte Jasper und deutete dabei auf den Stuhlberg hinter Neles Rücken.

„Eigentlich genau unter dem Stuhl, vor dem du jetzt gerade stehst.“, ergänzte Julian seinen Freund so leise, das Nele ihn kaum noch verstehen konnte.

 

Langsam und mit weit aufgerissenen Augen drehte sich Nele zu dem Stuhlberg herum und schluckte dabei angsterfüllt.

Hinter ihren Rücken grinsten sich beide Jungen boshaft zu.

Dabei gaben sie sich ein paar Zeichen und schlichen dann leise auf Nele zu, die immer noch bewegungslos und wie gelähmt mit den Rücken zu ihnen gewandt, vor den Stühlen stand.

Es herrschte nun absolute Stille als die Jungs jetzt direkt hinter Nelle langsam ihre Arme erhoben.

Doch gerade als sie Nele mit lauten Geschrei an ihren Schultern packen wollten, um ihr so einen gehörigen Schrecken einzujagen, geschah etwas völlig unerwartetes.

Deutlich konnten die drei Kids, die allesamt 12 Jahre alt waren, unheimlich klingende Geräusche hören.

Ein bedrohliches knarren und quietschen, das direkt aus dem Inneren des Stuhlberges vor ihnen zu kommen schien.

„Zurück!“, kreischte Nele entsetzt und fuhr sofort herum.

Geschockt schrie sie erneut auf, als sie die beiden Jungen erblickte, die mit erhobenen Armen vor ihr standen und sie dabei irgendwie dümmlich angrinsten.

Wie gelähmt starrten beide auf den Stuhlberg und lauschten fassungslos den immer lauter werdenden Geräuschen. Zusätzlich erklang jetzt noch ein unheilvolles knirschen und erst als die obersten Stühle des Stuhlberges ins Rutschen gerieten, kam Bewegung in die Jungen.

Kreischend stürzten sie, gefolgt von Nele, in den hinteren Bereich des Kellers.

Gerade noch rechtzeitig, denn mit lauten gepolter stürzte der Stuhlberg in sich zusammen und zum Teil auf jene Stelle, an der sie gerade eben noch alle gestanden hatten.

Über den Trümmerberg hing eine dichte graue Wolke aus Staub, die von einer flackernden Glühbirne beleuchtet wurde.

Einer der Stühle musste die Birne wohl getroffen haben denn plötzlich erlosch sie mit einem dumpfen Knall.

Der Bereich um die verstreut herum liegenden Stühle war nun in eine fast gespenstische Dunkelheit gehüllt.

 

Schließlich war es Nele, die zuerst ihre Sprache wieder fand. „Also eure Ratte ist wahrhaftig ein Monstrum. Los lasst uns besser schnell von hier verschwinden!“

„Ratte? – Von welcher Ratte sprichst du grade?“, fragte Jasper noch sichtlich geschockt.

„Die Ratte von der du mir eben noch erzählt hast!“

„Aber das war keine Ratte. – Das muss etwas völlig anderes gewesen sein.“, mischte sich Julian jetzt aufgeregt ein.

Nele fuhr herum und fauchte aufgebracht: „Was hast du da gerade gesagt?“

„Bist du taub Nele? – Ich sagte keine Ratte. Was gibt’s da nicht zu versehen!“

„Soll das etwa heißen, dass ihr mich doch verarschen wolltet?“, fauchte Nele die Jungs wütend an.

„So ist es.“, gab Jasper etwas kleinlaut zu.

Nele schnappte nach Luft, drehte sich erbost herum und marschierte dann Wortlos auf die Stühle zu.

„Was hast du vor?“, rief Julian ihr überrascht hinterher.

„Ich will sehen was es war. – Will wissen, wer uns hier einen Streich spielen will“, kreischte Nele außer sich vor Zorn, „Denn wenn es keine Ratte gewesen ist, muss es jemand anderes gewesen sein. Und dafür wird dieser Jemand jetzt bezahlen müssen!“

Jasper und Julian stürzten hinter Nele her um sie zu beruhigen, doch diese war schon über die ersten Stühle hinweg geklettert, bevor sie plötzlich überrascht inne hielt.

Nur wenig später standen die Jungen neben ihr und starten nicht weniger sprachlos auf etwas, was niemand von ihnen hier erwartet hätte und irgendwie so auch nicht hier hin gehören konnte.

Vor ihnen befand sich mitten in der Betonwand ein altertümlich gemauerter Torbogen, dessen darunter liegenden Torflügel beide offen standen und so die Sicht auf eine sich dahinter befindliche, schier undurchdringliche Dunkelheit frei gab.

 

Schließlich fand Jasper seine Worte wieder und fasste zusammen was alle dachten. „Irgendjemand hat dieses Tor von innen geöffnet und so die dicht vor dem Tor gestapelten Stühle angeschoben und mit dieser Aktion alles zum Einsturz gebracht.

Das erklärt auch die lauten knarrenden und  die quietschenden Geräusche kurz vor dem Einsturz!“

„Richtig. – Aber wer zum Teufel hat dieses Tor nur geöffnet und was noch viel wichtiger ist, wo führt es überhaupt hin?“, fragte Nele.

„Das werden wir sicher gleich heraus finden.“, sagte Jasper und ging dann langsam auf das Tor zu.

 

„Warte!“, rief Nele und hielt ihren Bruder am T-Shirt fest.

„Worauf soll ich denn noch warten?“, murmelte Jasper, der sich von Nele befreite und dann langsam wie in Trance auf das geöffnete Tor zu bewegte.

Nele drehte sich hilfesuchend nach Julian herum und rief: „Los hilf mir doch mal. Er darf da nicht einfach so reingehen.“

Julian reagierte und stellte sich kurzerhand vor das Tor und versuchte seinen Freund aufzuhalten.

Jasper blieb stehen und fragte ungehalten: „Kannst du sie denn nicht hören?“

„Was soll ich hören Jasper?“

„Diese Stimmen. Sie rufen nach uns.“

Julian drehte sich herum und lauschte angestrengt in das weit geöffnete Tor hinein.

Ihm beschlich dabei ein ungutes Gefühl, als er direkt in die dort herrschende Dunkelheit hinein blickte. Zudem glaubte er, dass er dieses Tor schon einmal irgendwo anders gesehen hatte. Nur konnte er sich im Augenblick nicht daran erinnern, wo und wann dies gewesen sein könnte.

Langsam schüttelte er jetzt seinen Kopf und sagte dann: „Ich höre hier keine Stimmen.“

„Ich auch nicht!“, rief Nele und riskierte nun ebenfalls einen näheren Blick auf das geöffnete Tor.

Doch so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte nichts in dieser unnatürlichen schwärze erkennen. Es war fast so, als würde sie vor einer tiefschwarz bemalten Wand stehen.

Gerade wollte sie sich wieder zu ihren Bruder herum drehen, als sie an ihren Beinen einen kühlen Luftzug verspürte. Und dann hörte sie eine leise und wie es schien, sehr weit entfernte jammernde Stimme, die wispernd rief:

„Warum hilft uns denn keiner…, es ist so dunkel hier unten. So dunkel…“

Nele schnappte nach Luft und stammelte: „Was…, wer seid ihr denn?“

Jasper trat neben seine Schwester und flüsterte leise: „Du kannst sie jetzt auch hören, oder?“

Seine Schwester nickte nur stumm.

„Aber ich höre hier leider immer noch nichts.“, meldete sich Julian etwas ärgerlich zu Wort. „Wir sollten jetzt lieber unsere Strafarbeit erledigen und die restlichen Schulmöbel runter tragen. Sonst hängen wir heute Abend noch hier unten rum!“

Julian drehte sich entschlossen herum. Doch gerade als er gehen wollte hörte er plötzlich hinter sich ein anklagendes wimmern.

Ungläubig drehte er sich wieder zu dem Tor herum und sagte dann erstaunt: „Jetzt höre ich auch etwas. Ich glaube da weint irgendwo ein Kind.“

Wieder ertönte ein erbärmliches Jammern, was jetzt zunehmend lauter und flehender wurde.

„Wir werden verdursten, werden verhungern. Bitte rettet uns. Sonst sind unsere Seelen für alle Zeiten hier unten verloren und vergessen…“

„Das ist einfach nur unheimlich.“, hauchte Nele leise.

„Oder nur ein gemeiner Streich von den Schulabgängern.“, versuchte Jasper eine Erklärung für die geheimnisvollen Stimmen zu finden, die inzwischen wieder verstummt waren.

Aus der dunklen Toröffnung waren jetzt nur noch schluchzende Geräusche zu vernehmen, die jetzt aber immer leiser wurden.

Julian ging jetzt mutig auf das Tor zu und rief dann zaghaft: „Hallo? – Ist da jemand?“

Angestrengt lauschte er in die undurchdringliche Finsternis hinein, doch niemand antwortete ihm.

„Los rufe noch mal. Aber diesmal etwas lauter!“, forderte Nele nervös und stieß Julian dabei kräftig an. Dadurch geriet dieser ins Stolpern und taumelte unbeholfen durch das weit geöffnete Tor, wo er sofort von der dort lauernden Finsternis verschluckt wurde.

 

Julian schrie entsetzt auf, als er schlagartig von einer undurchdringlichen Dunkelheit umhüllt wurde.

Er verlor den Halt unter seinen Füßen und sprühte dann mit lähmendem Entsetzen, wie er zu fallen begann.

Hilflos ruderte er mit seinen Armen durch die Finsternis, als er plötzlich mit seiner rechten Hand einen länglichen Gegenstand zu fassen bekam. Verzweifelt krallte er sich daran fest und konnte so seinen Sturz gerade noch abbremsen. Unsanft landete er schließlich auf seinem Hinterteil.

Etwas benommen tastete er dann vorsichtig seine Umgebung ab und erkannte sehr schnell, dass er sich auf einer Art Treppe befinden musste. Die Stufen waren uneben und schienen aus kaltem Stein zu bestehen.

Von oben hörte er jetzt Jaspers Stimme.

„Julian, bist du OK?“

„Alles OK!“, gab ihn Julian zur Antwort und fragte dann: „Hast du zufällig deine Mini LED Taschenlampe dabei?“

„Klar doch!“

Jasper griff in seine Hosentasche und angelte seine nur 7 Zentimeter lange Lampe heraus und schaltete sie ein.

Sofort erhellten die fünf eingebauten LEDs die Umgebung mit grellem Licht. Doch als Jasper den Strahl der Lampe auf das geöffnete Tor richtete, pfiff er überrascht durch seine Zähne.

Nele schnappte nach Luft, als sie sah, wie der Lichtstrahl von der Toröffnung buchstäblich verschluckt wurde.

Von unten rief jetzt Julian ungeduldig: „Was ist los? – Warum dauert das so lange da oben!“

Jasper fragte laut: „Kannst du das Licht denn nicht sehen? – Ich leuchte gerade direkt in das Tor hinein!“

Julian verneinte dies.

Jasper stand jetzt unmittelbar vor der schwarzen Wand und streckte langsam seine Hand, mit der er die Lampe hielt, in die gespenstische Dunkelheit.

Überrascht schrie er auf, als erst der Lampenkopf und schließlich seine ganze Hand spurlos darin verschwanden.

Es sah fast so aus, als würde er seine Hand in einem Eimer mit schwarzer Farbe eintauchen.

Julian erging es auf der anderen Seite nicht viel besser.

Geschockt schrie er auf, als er plötzlich sah, wie weiter oben Jaspers Hand mit der Lampe einfach so aus dem nichts heraus auftauchte.

Wenig später standen Jasper und Nele komplett sichtbar auf der obersten Stufe und sahen neugierig und etwas unschlüssig zu Julian hinunter.

Dieser winkte ihnen etwas ungeduldig zu und rief: „Worauf wartet ihr noch? – Los kommt schon runter und seht euch das mal an!“

Dabei deutete er auf etwas, was sich über seinem Kopf befand und aus der nackten Felswand heraus ragte.

Jasper stieg jetzt die mit einer dünnen Staubschicht überzogenen Stufen hinab und sagte dann überrascht. „Das ist ja eine alte Fackel.“

„Sieht tatsächlich sehr alt aus.“, bestätigte ihn Julian und fügte dann noch hinzu: „Aber egal wie alt diese Fackel dort ist, sie hat mir grade mein Leben gerettet. – Glaubt mir, wenn ich sie bei meinem Sturz nicht zu fassen bekommen hätte, läge ich jetzt sicher mit gebrochenen Knochen irgendwo dort unten!“ Dabei deutete er wage die Stufen hinunter.

„Aber wo führen sie nur hin?“, fragte Jasper und leuchtete nach unten.

„Ich denke mein Freund, wir werden es gleich heraus bekommen.“

Nele schluckte und sagte mit Unbehagen: „Das ist doch wohl nicht euer ernst, oder?“

Die Jungs sahen sich schweigend an und nickten dann nur.

„Aber diese unheimlichen Stimmen eben, das weinen und…“

„Wie ich wohin schon sagte Nele, das sind sicher nur ein paar Schulabgänger, die uns hier einen üblen Streich spielen wollen. Ich glaube sogar, das der Hausmeister sie dazu angestiftet hat um sich an uns für den Suppenstreich zu rächen!“, unterbrach sie Jasper.

„Klingt irgendwie logisch.“, stimmte ihm Julian zu.

„Aber wie erklärst du dir diese unheimliche Dunkelheit oben am Tor?“, wollte Nele wissen.

„Das ist sicher einer von den Tricks aus der Zauber AG. Ich habe gehört, dass die da mit Schwarz-Lichtlampen irre Dinge machen können und…“

Weiter kam Julian nicht mehr, denn in diesem Augenblick ertönte von oben ein lautes unheilvolles knarren, dem dann zwei laute und dumpfe Schläge folgten.

„Das Tor!“, kreischte Nele entsetzt und stürzte die Stufen nach oben. Die Jungen folgten ihr sofort und dann sahen sie im Schein von Jaspers Taschenlampe etwas Unglaubliches.

In die unerklärliche schwärze war nun Bewegung gekommen.

Wie Nebel waberte sie unruhig hin und her, bevor sie sich schließlich völlig auflöste. Zurück blieb nur eine kahle graue Betonwand. Das Tor selbst war spurlos verschwunden.

Fassungslos hämmerte Julian jetzt gegen die Wand und rief laut: „Was zum Teufel ist hier nur los?“

„Also wenn das ein Zaubertrick gewesen sein soll, dann war es der Beste, den ich jemals gesehen habe.“, sagte Jasper erstaunt.

„Mehr fällt euch beiden dazu nicht ein?“, fragte Nele fassungslos. „Ist euch eigentlich klar, dass wir jetzt hier unten gefangen sind?“

„Nö.“, sagte Jasper trocken und deutete dann die Stufen hinab. „Wir gehen jetzt einfach da runter und suchen nach einem anderen Ausgang!“

Nele hielt ihren Bruder am Arm fest und zischte leise: „Und was ist mit den Stimmen dort unten?“

Jasper schluckte etwas und sagte dann: „Wir werden sie finden und sie dann einfach nach einem Weg fragen, der uns hier wieder heraus bringen kann!“

Jetzt mischte sich Julian ein und flüsterte: „Was, wenn die da unten nicht echt sind? – Ich meine, was wenn es Geister sind und keine Schulabgänger?“

„Geister?“, fragte Jasper gedehnt und schluckte dabei erneut.

Julian nickte nur.

An diese Möglichkeit hatte Jasper zwar auch schon gedacht, konnte es aber irgendwie nicht so recht glauben. Deshalb sagte er mutig: „Egal was es ist, hier können wir jedenfalls nicht bleiben. Wir müssen dort hinunter!“

Die drei sahen sich eine Weile schweigend an und schließlich sagte Nele: „Ok, lasst uns gehen. Aber wenn es hier unten Ratten gibt, müsst ihr mir schwören, dass ihr sie fertig machen werdet. Ihr wisst ja, was für eine Angst ich vor diesen Viechern habe.“

Die Jungs grinsten sich an und sagten fast gleichzeitig: „Wir schwören es dir!“

 

Julian führte die kleine Gruppe an, die sich jetzt langsam die scheinbar unendlich lange Treppe hinab bewegte.

Als sie an der Fackel vorbei kamen, die noch immer in der Felswand steckte, reckte Nele ihren Arm nach oben und zog sie aus dem Loch heraus.

Jasper, der hinter Nele das Schlusslicht ihrer Gruppe bildete, raunzte seine Schwester etwas mürrisch an: „Was willst du mit dem nutzlosen Ding da?“

„Nele blieb stehen, drehte sich zu ihren Bruder herum und sagte schnippisch: „Nutzlos für jeden, der kein Feuer hat. Ich aber habe Feuer!“

Während sie sprach, hatte Nele in ihre Hosentasche gegriffen und ein Rosa farbiges Feuerzeug heraus gezogen. Jetzt hielt sie es ihren Bruder unter die Nase.

„Du rauchst doch nicht etwa heimlich?“, fragte Jasper sichtlich überrascht.

„Natürlich nicht. – Jeder weiß doch, dass man vom Rauchen Lippenkrebs bekommt.“

„Lippenkrebs?“, fragte Jasper, der noch nie etwas von dieser Krebsart gehört hatte.

„Ja, eine echt widerliche Angelegenheit sag ich dir. – Zuerst werden deine Lippen ganz braun. Sie blähen sich auf wie Fahrradschläuche, die zu viel Luft bekommen haben, bevor sie dann schließlich explosionsartig auseinander platzen.

Eine stinkende, gelbliche Eitersuppe wird dann aus ihnen heraus quellen und wie ein zäher Lavastrom über dein Gesicht laufen. Aber das aller schlimmste passiert erst ganz zum Schluss.

Deine übrig gebliebenen Lippenreste werden sich am Ende rabenschwarz verfärben und letztendlich einfach so aus deinem Gesicht heraus fallen!“

Angewidert verzog Jasper sein Gesicht und fragte dann: „Aber wieso schleppst du dann ein Feuerzeug mit dir herum, noch dazu eins mit diesen blöden Hello Kitty Zeugs drauf?“

„Weil es mir eben Spaß macht du Blödmann!“, fauchte Nele aufgebracht.

Bevor die Geschwister nun ernstlich in einen Streit geraten konnten, mischte sich Julian lautstark ein und rief energisch: „Das ist doch jetzt völlig unwichtig. Hauptsache wir haben Feuer und eine Fackel. Der Akku in der Lampe wird schließlich nicht ewig halten und ohne Licht sind wir hier unten doch hoffnungslos verloren!“

Bevor einer der beiden Streithähne ihm darauf antworten konnte, ertönte jetzt von unten erneut eine gespenstische Stimme, die ausnahmslos allen einen eisigen Schauer über ihre Rücken jagte.

Verloren, verloren, verloren, verloren…

Die Stimme ebbte langsam wieder ab und verstummte schließlich wieder.

 

„Das ist wirklich unheimlich.“, flüsterte Jasper leise.

„In der Tat. Aber egal. – Wir werden schon noch herausfinden wer dahinter steckt!“, sagte Julian und stieg dann weiter die Stufen hinunter.

Die anderen folgten ihm wortlos.

Je tiefer sie kamen, desto breiter und flacher wurden die Stufen.

Schließlich endeten sie in einem langen Gang, dessen Aussehen aber mehr einer röhrenartigen Höhle ähnelte.

Julian blieb stehen und leuchtete die Wände und den Boden ab. Plötzlich stutzte er und rief verblüfft: „Das gibt es doch gar nicht!“

„Was soll es nicht geben?“, erkundigte sich Jasper neugierig.

„Na, sieh dir den Boden vor uns mal genauer an. Fällt dir dabei nichts auf?“

Jasper ging in die Hocke und musterte die dünne Staubschicht, die den felsigen Boden bedeckte und schüttelte dabei ratlos seinen Kopf. „Was meinst du nur? – Ich sehe hier nichts.“

„Genau das meine ich ja. Du siehst hier eine unberührte Staubschicht!“

„Und weiter?“, fragte Jasper, der noch nicht verstand, worauf sein Freund eigentlich hinaus wollte.

Julian deutete auf den dünnen Staubteppich und sagte leise: „Hier unten muss jemand gewesen sein. Jemand, der dort oben das Tor von innen geöffnet hat.

Ein Jemand, der eigentlich seine Fußabdrücke hier im Staub hinterlassen haben müsste. Aber hier sind weit und breit keine zu sehen.“

Jasper erhob sich und trat einen Schritt vor und dann wieder zurück. Deutlich konnte er jetzt seine eigenen Schuhabdrücke im Staub erkennen.

„Aber das bedeutet, dass hier unten seit ewigen Zeiten keine Menschenseele mehr entlang gegangen ist.“, flüsterte er kaum noch hörbar.

„Du willst damit sagen, dass dieser unbekannte Jemand ein Geist gewesen sein könnte?", fragte Nele entsetzt.

„Ja, ein schwebender Geist. – Jedenfalls ist unser Freund hier nicht zu Fuß unterwegs gewesen.“, gab ihr Julian zur Antwort.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, marschierte er in den vor ihm liegenden Gang hinein. Die anderen folgten ihm wortlos.

Nach etwa drei Minuten stoppte Julian und rief: „Damit habe ich jetzt aber wirklich nicht gerechnet!“

„Womit?“, erkundigte sich Jasper, drängte sich neben seinen Freund und starrte überrascht auf ein dunkles Loch, das sich direkt vor ihnen im Felsboden auftat.

Im Licht der Taschenlampe war deutlich eine alte Holzleiter zu sehen, die in das scheinbar bodenlose Loch hinab führte. Jedenfalls reichte der Lichtstrahl nicht bis zum Boden hinunter.

Jasper drehte sich zu seiner Schwester herum und sagte: „Ich glaube, es wird jetzt Zeit für deine Fackel. Warum hast du sie denn noch nicht angemacht?“

Statt einer Antwort zog Nele ihr Feuerzeug aus der Tasche, machte es an und stellte die Flamme auf die höchste Stufe. Dann zeigte sie stumm auf die Flamme, die kerzengrade in der Luft stand.

„Hä? – Was soll das denn schon wieder!“, entfuhr es Jasper ärgerlich.

„Wie du an der Flamme hier unschwer erkennen kannst, gibt es hier oben in dem Gang überhaupt keinen Luftzug. Diese Fackel hier wird aber mit Sicherheit stark qualmen und uns somit die Luft verpesten. Wir könnten von dem Rauch bewusstlos werden und…“

„Schon gut!“, unterbrach ihr Bruder sie etwas grob und sagte dann: „Da Rauch bekanntlich nach oben steigt und wir dort runter müssen, wird uns dort unten so schnell keine Gefahr von den möglichen Rauchgasen drohen. Also mach endlich die Fackel an und wirf sie in das Loch hinunter, damit wir sehen können, wie tief es ist!“

Nele zögerte noch etwas und hielt dann die Flamme ihres Feuerzeugs an die Fackel.

Langsam sprang diese auf die offenbar mit Pech beschichtete Fackel über und leckte sich gierig weiter nach oben. Schließlich brannte die ganze Fackel lichterloh und Nele warf sie schnell in das dunkle Loch hinunter.

Gebannt verfolgten die Kinder ihren Sturz, der nur Sekunden später am Fuße der Leiter endete.

„Scheint nicht sehr tief zu sein.“, stellte Julian nüchtern fest. „Ich schätze, das sind keine zwanzig Meter bis zum Boden!“

Jasper nickte, kniff die Augen etwas zusammen und starrte angestrengt in die Tiefe hinunter. Dabei versuchte er etwas von der unmittelbaren Umgebung der brennenden Fackel zu erkennen. Doch außer einem felsigen Boden gab es nichts zu sehen. Doch plötzlich schrie er entsetzt auf: „Verdammt, die Leiter. – Sie brennt!“

Gebannt starrten jetzt alle auf das Ende der Leiter, die tatsächlich Feuer gefangen hatte.

„Was sollen wir jetzt nur tun?“, kreischte Nele hysterisch auf.

„Na, schnell dort runter steigen, bevor es zu spät ist!“, schrie Julian, schwang sich beherzt über den Rand des Loches und kletterte eilig die Leiter hinunter.

Jasper tat es ihm gleich und folgte ihm. Doch Nele stand unschlüssig am Rand und starrte fassungslos auf die Jungen hinab, die hastig die Sprossen der maroden Leiter hinab stiegen.

Die Flammen fraßen sich jetzt gierig weiter die Leiter hinauf.

Dichter Qualm stieg nach oben auf und brannte in den Augen der Kinder. Hustend schrie Jasper zu seiner Schwester hinauf: „Worauf wartest du denn noch. Beweg dich endlich oder willst da oben ersticken!“

„Verbrennen will ich aber auch nicht!“, schrie sie laut, blieb aber wie gelähmt am Rande des Loches stehen.

Inzwischen brannten die ersten zwei Sprossen lichterloh und Jasper, der sich nur noch knapp zwei Meter darüber befand, sprang beherzt von der Leiter ab.

Sicher landete er auf dem Boden und schrie seinem Freund zu: „Los, spring sofort ab!“

Dieser tat, wie ihm geheißen und landete direkt neben Julian. Sofort spurtete er dann zur Leiter zurück und ergriff hastig die Fackel. Gleichzeitig schrie er vor Angst: „Nele, beweg endlich deinen Arsch hier herunter, sonst bist du verloren!“

Kaum war sein letztes Wort verklungen, da meldete sich plötzlich eine unbekannte Frauenstimme zu Wort. Sie schien von überall her gleichzeitig zu kommen und keifte: „Verloren, so wie die anderen Kinder. So muss es sein und so wird es kommen!“

Dann folgte ein geradezu teuflisches Gelächter, das schaurig als Echo von den Wänden des Gewölbes zurück geworfen wurde.

Beide Jungen schrien geschockt auf, konnten aber mit Erleichterung sehen, wie sich Nele endlich hustend in Bewegung gesetzt hatte und ebenfalls die Leiter herunter geklettert kam.

Die Flammen der brennenden Leiter sprangen gerade auf die fünfte Sprosse über und schienen es jetzt sehr eilig zu haben. Gierig fraßen sie sich durch das trockene Holz weiter nach oben und Nele kreischte vor Angst.

Die Jungs breiteten ihre Arme aus und schrien zu ihr hinauf: „Los, springe sofort von der Leiter runter Nele. – Wir werden dich schon auffangen!“

Nele sprang und landete recht unsanft in den Armen der Jungen, so dass diese durch die Wucht des Aufpralls zu Boden stürzten und sie deshalb nicht mehr halten konnten.

Hilflos kullerte sie den felsigen Boden entlang, bis sie schließlich von einem kalten, nicht sichtbaren Hindernis gestoppt wurde.

„Alles ok bei dir?“, rief Jasper ihr fragend zu, während er sich selbst langsam wieder aufrappelte und gleichzeitig seinem Freund Julian wieder auf die Beine half.

„Bis auf die Tatsache, dass mir gleich mein Hintern abfrieren wird, geht’s mir eigentlich noch ganz gut!“, fauchte Nele ungehalten.

„Versteh ich nicht.“, brummte Julian bissig. „Eigentlich müsste dein Hinterteil doch jetzt glühen wie ein Pavianarsch!“

Jetzt mischte sich Jasper ein und rief aufgebracht: „Hört schon auf mit diesem Unsinn. Wir sollten besser von hier verschwinden, bevor diese höllische Leiter in sich zusammen fällt und uns mit ihren glühenden Trümmerteilen wirklich noch gefährlich wird!“

Mit diesen Worten ging er auf Nele zu, die immer noch seitlich auf dem Boden lag und keine Anstalten machte, sich zu erheben.

Hilfreich reichte er seiner Schwester die Hand, doch diese sah ihn nur entsetzt an und flüsterte ängstlich: „Ich glaube, da hält mich irgendetwas Eisiges fest.“

Jasper sah sie nur ungläubig an, während er versuchte seine Schwester wieder auf die Beine zubekommen.

Doch Nele, die genauso schlank war wie er selbst, schien plötzlich unglaublich schwer zu sein. Sie rührte sich keinen Zentimeter weit hoch.

„Verdammt, warum machst du dich nur so schwer!“, fauchte er schließlich seine Schwester böse an.

Diese sah ihn nur mit weit aufgerissenen Augen an und klapperte dabei mit ihren Zähnen.

Jetzt packte auch Julian mit an und gemeinsam zehrten sie mit aller Kraft an Nele herum, so dass diese schmerzhaft aufschrie. Doch die Jungs ignorierten ihre Schmerzen und zogen weiter so fest sie konnten an ihren Armen, bis plötzlich ein reißendes Geräusch ertönte.

Gleichzeitig kam Nele wieder auf ihre Beine und flog über die überraschten Jungen hinweg.

Jasper und Julian verloren dabei ihr Gleichgewicht und landeten zusammen mit Nele ziemlich unsanft auf den staubigen Felsboden.

Benommen rappelten sich alle drei wieder auf und sahen zu der Stelle hinüber, auf der eben noch Nele gesessen hatte.

Grade als Julian die Fackel wieder aufheben wollte, die er bei seinen Sturz fallen gelassen hatte, ertönte hinter ihnen ein lautes, unheilvolles knackendes Geräusch.

Alle drei fuhren herum und sahen auf die inzwischen lichterloh brennenden Leiter. Die Flammen bildeten jetzt eine einzige Feuersäule, die sich laut knisternd durch das trockene Holz der Leiter fraß.

„Sie stürzt gleich ein!“, kreischte Nele und flüchtete sofort in den dunklen Teil des Höhlenartigen Ganges.

Die Jungen folgten ihr grade noch rechtzeitig, denn die Leiter fiel tatsächlich nur eine Sekunde später in einen sprühenden Funkenregen in sich zusammen.

Fassungslos sahen alle auf die glühenden Überreste, die zum Teil auch auf jene Stelle gefallen waren, an der sie grade eben noch zusammen gestanden hatten.

„Das war verdammt knapp.“, stellte Julian nüchtern fest.

„Zum Glück steigt der Rauch tatsächlich nach oben und verzieht sich in den Gang aus dem wir gekommen sind.“, flüsterte Nele leise.

„Das habe ich dir doch schon gesagt!“, giftete ihr Bruder sie ungehalten an.

Nele fuhr herum und fauchte: „Ja das hattest du tatsächlich. Nur gab es da noch keinen Luftzug in dem Gang dort oben. Aber wenn du jetzt mal genauer hinschauen würdest, könntest du sehen, dass es jetzt einen geben muss!“

Jasper schnappte nach Luft und grade als er seiner Schwester das passende Antworten wollte, packte ihn Julian am Arm und rief: „Sie hat recht. – Sieh doch nur!“

Entgeistert leuchtete Jasper mit der kleinen LED Lampe zu dem Tunnelausgang hinauf und sah, wie der Rauch tatsächlich zügig darin verschwand.

Schließlich sagte er: „Aber wie ist das nur möglich? – Vorhin war dort oben kein Luftzug.“

„Ich denke, dass irgendwer dort oben das Tor geöffnet hat.“, versuchte Nele eine Erklärung für den Vorgang zu finden.

„Unsinn!“, schnappte ihr Bruder bissig, „Wir alle haben selbst gesehen, das dort oben kein Tor mehr war. Nur eine kalte Betonwand!“

Jetzt mischte sich Julian ein und sagte: „Eure Streitereien helfen uns jetzt auch nicht weiter. – Egal wohin sich dieser Rauch auch grade verzieht, wir können ihn schlecht hinterher klettern. Die Leiter ist futsch und wir müssen nach einem anderen Ausgang suchen.“

Mit diesen Worten drehte er sich herum und marschierte in den finsteren Tunnel hinein.

„Warte!“, schrie Nele hinter ihm her.

Julian fuhr sichtlich entnervt herum und fauchte: „Was denn noch?“

„Ich will erst wissen, was mich da grade am Boden festgehalten hat. Immerhin hat dieses Monster mir ein Stück von meiner Hose heraus gerissen und…“

„Was für ein Monster?“, unterbrach sie ihr Bruder und leuchtete gleichzeitig mit der Mini Taschenlampe den Boden ab, auf dem Nele noch vor Minuten wie angeklebt gesessen hatte.

Auch Julian war nun zu der Stelle zurück gekehrt und sah sich auf dem Felsboden um, auf dem immer noch Teile der Leiter vor sich hin glühten. Schließlich pfiff er überrascht durch seine Zähne und rief dann: „Seht euch das mal an. Da liegt tatsächlich ein Stück Stoff auf dem Boden!“

Die anderen liefen zu ihm hinüber und Nele sagte: „Seht ihr, das ist ein Teil von meiner Hosentasche.“

Dabei drehte sie sich demonstrativ herum und zeigte auf ihre kurze Jeans, an der tatsächlich einer der beiden hintern Taschen zerfetzt war.

Inzwischen hatte sich Julian auf seine Knie herunter gelassen und versuchte das Stück Stoff aufzuheben. Aber es gelang ihm nicht. Stattdessen fühlte er eine eisige Kälte, die von dem Stoff ausging. Entsetzt zog er seine Hand wieder zurück.

Ungläubig schüttelte er seinen Kopf und blies dann den Staub beiseite, der dicht um den Stofffetzen herum lag. Schließlich flüsterte er: „Das ist ja Eis. – Nele, halte doch mal bitte meine Fackel!“

Nele nahm sie kommentarlos an sich und sah dann zu, wie Julian nach und nach eine Rechteckige Fläche frei pustete, die in etwa 100 mal 80 cm groß war.

„Sieht aber eher wie ein Spiegel aus.“, flüsterte Jasper, der von den reflektierten Lichtstrahlen seiner Lampe geblendet wurde.

„Es ist aber Eis und darunter liegt irgendwas.“, raunte Julian ebenso leise zurück. „Los, leuchte nochmal mit deiner Lampe!“

Julian hatte sich inzwischen neben seinen Freund niedergelassen und leuchtete jetzt schräg die Spiegelglatte Eisfläche an, um nicht wieder geblendet zu werden.

Doch was ihnen dann die Lichtstrahlen der kleinen Lampe offenbarte, ließ ihnen buchstäblich das Blut in den Adern gefrieren.

Unter der grade zu unnatürlich klaren Eisschicht war deutlich eine Skelettierte Hand zusehen, die ihre knochigen Finger um ein kleines und scheinbar in Leder gebundenes Buch verkrallt hatte.

Minutenlang sahen die Kinder auf ihren schrecklichen Fund, bis schließlich Jasper als erstes seine Worte wieder fand und leise flüsterte: „Das könnte ein Scherz von den Schulabgängern sein. – Diese Knochen gehören bestimmt zu einem der Schul-Skelette, die wir im Keller unserer Schule gesehen haben.“

Doch Julian schüttelte den Kopf und zischte: „Nein, die ist echt!“

„Was macht dich da so sicher?“, flüsterte Nele ängstlich.

„Sieh dir doch die bleichen Fingerknochen mal genauer an. Da sind keinerlei Verbindungsdrähte zu sehen.“

Nele schluckte und fragte dann: „Und was jetzt?“

„Wir holen sie aus ihrem eisigen Grab heraus und lesen dann dieses Buch!“, sagte Jasper entschlossen und stand auf.

Julian erhob sich ebenfalls und meinte: „Dieses Eis scheint nicht durchgehend zu sein, sondern eine Art Eisplatte, die irgendjemand über diesen Hohlraum darunter gelegt hat. Wir müssen es nur irgendwie zerbrechen.“

Julian trat nun mit voller Wucht auf das Eis, doch es hielt seinem Gewicht stand.

Er unternahm einen zweiten Versuch, in dem er jetzt hoch sprang und mit beiden Füßen erneut auf der Eisplatte landete.

Diesmal erklang ein knirschendes Geräusch und deutlich waren nun gleich mehrere Sprünge in dem Eis zusehen, die sich Sternenförmig unter Julians Schuhen ausbreitet hatten.

„Tue das besser nicht.“, flüsterte Nele ängstlich.

Doch Julian sprang erneut und diesmal gab das Eis nach.

Wie klirrendes Glas zersprang es in mehrere Teile, wobei er selbst mit seinen Füßen in den darunter liegenden Hohlraum einbrach und unmittelbar auf der unheimlichen Knochenhand landete.

Fast gleichzeitig ertönte ein langgezogener Schmerzensschrei durch das unterirdische Felsgewölbe, der grausam an den kargen Felswänden als schauriges Echo widerhallte.

Kaum war dieser verklungen, ertönte erneut die unheimliche Frauenstimme aus der Dunkelheit des vor ihnen liegenden Ganges heraus und keifte: „Du hast grade meinen Mann die Hand gebrochen, Julian und ich fürchte, das ihm das gar nicht gut gefallen hat!“

Nele kreischte vor Entsetzen laut auf während Julian und Jasper wie gelähmt einfach nur so da standen und mit weit aufgerissenen Augen in den düsteren Gang hinein blickten, aus dem jetzt das Ohrenbetäubende Gelächter eines unbekannten Mannes heraus dröhnte.

Schließlich verstummte es wieder und endlich fand Jasper seine Worte wieder und flüsterte mit zittriger Stimme: „Wer zum Teufel sind die nur?“

Julian, der jetzt gute 40 cm tiefer in dem Loch stand, was zuvor von dem Eis bedeckt gewesen war, raunte kaum hörbar: „Ich weiß es nicht. – Schulabgänger waren das jedenfalls nicht gewesen.“

„Dann sind es doch Geister.“, wimmerte Nele ängstlich.

Jasper legte beruhigend seinen Arm auf die Schultern seiner Schwester und sagte: „Ganz gleich, wer die auch sind. Wir werden schon irgendwie hier heraus kommen.“

Julian hatte sich inzwischen gebückt und das kleine Buch aufgehoben, in dessen Buchrücken noch ein kleines Stück Knochen von der jetzt völlig zertrümmerten Knochenhand steckte.

Angewidert zog er das Knochenstück heraus und warf es zu den übrigen Knochen zu seinen Füßen auf das zersplitterte Eis. Dann kletterte er aus dem Loch heraus und rief: „Lasst uns erst mal einen Blick in dieses Buch hinein werfen. Vielleicht sind wir danach etwas schlauer!“

Nele steckte die Fackel in einen Spalt der Felswand, vor der sich Julian niedergelassen hatte und setzte sich dann links neben ihn, während Jasper sich rechts von ihm nieder kniete.

Dabei leuchtete er das Buch in Julians Händen mit seiner kleinen Lampe an, was dieser mehrmals unschlüssig in seinen Händen drehte. Dabei stellte er fest, dass das Buch mit einer Art Lederschnalle verschlossen war, die auf der Vorderseite in einer Schlaufe steckte.

Das alleine war schon sehr auffällig. Doch zusätzlich haftete auf diesem Verschluss noch ein großes dunkelrotes Siegel, in dem das Bildnis eines bärtigen Mannes eingeprägt war.

Schließlich flüsterte Julian: „Es ist genau wie bei diesem Tor.“

„Was meinst du damit?“, erkundigte sich Jasper etwas ratlos bei ihm.

„Als ich dort oben das Tor zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich irgendwie das Gefühl es schon einmal irgendwo anders gesehen zu haben. Und hier bei diesem Buch habe ich jetzt das gleiche Gefühl. – Dieses Siegel kommt mir irgendwie bekannt vor. Wenn ich doch nur wüsste, woher.“

„Dieses Buch scheint sehr alt zu sein. – Vielleicht hast du ein ähnliches Buch schon mal in einer Bücherei oder einem Museum gesehen.“, flüsterte Nele angespannt.

Julian sah sie entgeistert an und sagte dann sichtlich schockiert: „Ach du heilige Scheiße. – Mensch Nele, du hast recht damit!“

„Womit hat sie recht?“, fragte sein Freund etwas irritiert.

„Mit dem Museum. – Na ja, beinahe jedenfalls. Ich habe dieses Siegel und auch das Tor dort auf einem alten Ölgemälde in unserem Stadtarchiv gesehen!“

„Arbeitet da nicht dein Opa?“, rief Nele überrascht.

„Ja, aber er macht das nur Ehrenamtlich. Erst im Frühjahr hat er mich einmal mitgenommen und mir dort alles gezeigt. Und als ich dann dieses alte Bild entdeckt habe, hat mir mein Opa dazu eine seltsame Geschichte erzählt.

Eine Geschichte aus dem Mittelalter, die sich damals in unserer Stadt zugetragen haben soll.“

„Was genau war auf dem Bild zu sehen?“, wollte Jasper wissen.

„Es war dieses unheimliche Tor, durch das wir gegangen sind. Nur befand es sich da nicht im Keller unserer Schule, sondern verschloss dort eine Höhle an einem steilen, bewaldeten Berghang. Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, muss es der gleiche Berg gewesen sein, auf dem heute unsere Gesamtschule steht.“

Nele schnappte nach Luft und fauchte dann: „Das hast du dir doch bestimmt grade alles nur ausgedacht!“

„Und warum bitte schön, sollte Julian das tun?“, fuhr Jasper seine Schwester ungehalten an.

Bevor Nele darauf Antworten konnte, sagte Julian: „Ich werde euch gleich die Schwarzbart Saga erzählen, doch bevor ich das mache, werde ich…“

„Schwarzbart Saga?“, unterbrach ihn Nele gereizt und sprang auf. „Was zum Teufel soll das denn schon wieder sein!“

„Die Legende, die mir mein Opa zu diesem Bild erzählt hat!“, schnaubte Julian aufgebracht.

Jetzt mischte sich Jasper in den aufkommenden Streit ein und rief: „Verdammt Nele, pflanz dich gefälligst wieder hin, damit Julian das machen kann, was er grade tun wollte!“

Nele sah ihren Bruder wütend an, fügte sich aber dann Wortlos und setzte sich maulend wieder hin.

Julian räusperte sich und sagte dann leise: „Ich werde jetzt erst mal das Siegel von diesem geheimnisvollen Buch brechen. Ich bin mir sicher, dass der Inhalt irgendetwas mit dieser Legende zu tun hat.“

 

Doch in dem Augenblick, in dem Julian das blutrote Siegel berührte, meldete sich die garstig lachende Stimme der unheimlichen Frau aus der Dunkelheit des Ganges wieder und rief: „Wer das Siegel bricht, erreicht niemals wieder das Licht!“

Vor Entsetzen ließ Julian das Buch fallen, so dass es hart auf den Felsboden aufschlug. Dabei zerbrach das alte Siegelwachs. Die Lederschnalle rutschte aus der Schlaufe heraus und dann öffnete sich wie von Geisterhand das Buch.

Ein kalter Luftzug blätterte die ersten vergilbten Seiten auf und offenbarte schließlich ein großes Loch, was jemand in die restlichen Buchseiten hinein geschnitten hatte.

In dem so entstandenen Hohlraum lagen zwei Dinge, die in dem flackernden Licht der Fackel zunächst nicht eindeutig erkennbar waren.

Erst als Jasper mit der Taschenlampe hinein leuchtete, konnten alle zwei aus Holz geschnitzte Gegenstände sehen, die jemand unbekanntes in diesem Buch versteckt hatte.

Vorsichtig holte Julian beide heraus und untersuchte sie eingehend. Schließlich sagte er: „Also dieses Teil hier ist eindeutig ein Kinderspielzeug. Ein einfacher aus Holz geschnitzter Kreisel. – Aber was das andere Ding hier sein soll ist mir ein Rätsel.“

„Mir aber nicht.“, meldete sich Nele zu Wort und nahm Julian etwas unsanft den mit mehreren dünnen Zacken ausgestatteten Bogenförmigen Gegenstand aus seiner Hand.

Sie drehte ihn mehrmals in ihren Händen, schüttelte dann ihr halblanges blondes Haar nach vorne und schob sie dann mit ihrer freien Hand nach links über ihre Stirn.

Schließlich steckte sie das kleine Kunstwerk mit ihrer anderen Hand in ihr Haar hinein und grinste frech: „Und wie gefalle ich dir jetzt, Julian?“

„Das ist ja eine Haarspange.“, war alles was er dazu sagen konnte. Gleichzeitig lief ihm eine Gänsehaut über den Rücken, wenn ihm auch nicht gleich klar war, warum.

Doch Jasper brachte es auf den Punkt als dieser leise flüsterte: „Diese Dinge könnten den Kindern gehört haben, die uns anfangs um Hilfe gebeten haben. – Kinder, deren Geister jetzt ruhelos durch diese Höhle spuken, weil ihnen zu ihren Lebzeiten hier etwas Schreckliches zugestoßen sein muss. Und…“

„Das reicht jetzt aber wirklich!“, unterbrach ihn seine Schwester entsetzt.

Julian, der jetzt wusste, warum er grade eine Gänsehaut bekommen hatte flüsterte: „Du glaubst gar nicht wie recht du damit hast, Jasper. – Diese Legende ist also wahr.

Damals dachte ich noch, mein Opa veräppelt mich etwas, als er mir davon erzählt hat. Doch jetzt glaube ich, das nichts davon gelogen war.“

„Dann solltest du uns jetzt besser von dieser Legende erzählen, damit wir verstehen können von was du hier eigentlich redest.“, flüsterte Jasper kaum noch hörbar. Dabei schaltete er seine kleine LED Lampe aus um den Akku zu schonen.

Für einen Augenblick war nur noch das leise zischende knistern der Fackel zu hören, die ihre unmittelbare Umgebung in ein flackerndes und gespenstisch wirkendes Licht hüllte.

Julian räusperte sich und begann dann mit seiner Erzählung.

 

„Damals war unsere Stadt nur ein größeres Dorf, das wie alle Orte in jener Zeit mit den Wirren des letzten Krieges und den andauernd anhaltenden Hungersnöten zu kämpfen hatte.

Die Menschen waren arm und starben früh. Entweder an Hunger oder an dem Schwarzen Tod, einer schlimmen Seuche, die zu jener Zeit durch das Land grassierte. Kaum einer, der älter als vierzig Jahre alt wurde.

Die Menschen befestigten damals ihr Dorf mit Mauern, von denen noch heute einige Reste in unserer Stadt zu sehen sind.

Sie konnte damit zwar nicht die Seuche aufhalten, doch wenigstens boten sie etwas Schutz vor den überall herum ziehenden Gesetzlosen. Räuberbanden, die raubend und brandschatzend durch die Gegend zogen und jeden umbrachten, der es wagte, sich ihnen in den Weg stellte.

Zu jener Zeit lebte in dem Dorf auch ein junger Mann, namens Ronald.

Er strotzte nur so vor Kraft, doch anstatt seinen vor Gram gebeugten Eltern bei ihrer harten Arbeit auf dem Feld zu helfen, zog dieser lieber durch die Wälder.

Seine Eltern wären froh darüber gewesen, wenn er wenigstens auf die Jagt gegangen wäre und so etwas Essbares mit nach Hause gebracht hätte. Doch Roland nahm niemals sein Gewehr mit sondern nur seine Pinsel, einen Holzrahmen, auf dem er ein Stück Leinenstoff spannte und seine selbst gemachten Farben.

Er wollte lieber malen. Eine Tätigkeit, von der man damals natürlich nicht leben konnte.

Niemand besaß Geld, um seine Kunst kaufen zu können. Und natürlich war auch niemand bereit dazu, eines seiner Bilder gegen ein Stück Brot einzutauschen. Und obwohl alle im Dorf Ronald für einen Taugenichts hielten, war er bei den jungen Mädchen sehr begehrt.

Gleich drei von ihnen buhlten um seine Zuneigung und machten ihm schöne Augen. Aber Ronald hatte nur Augen für seine Bilder übrig und behandelte die Mädchen wie Luft.

Doch eines Tages passierte etwas, was das ansonsten ruhige Leben im Dorf buchstäblich auf dem Kopf stellte und schließlich in einer blutigen Katastrophe endete.“

 

Julian machte eine Pause und sah seine Begleiter nachdenklich an. Dann sagte er etwas unbehaglich: „Es ist schon komisch, das ausgerechnet meine beiden besten Freunde Zwillinge sind.“

Jasper sah ihn nur ratlos an, aber Nele sprang auf fauchte ungehalten: „Dafür können wir leider nichts. Es ist halt Schicksal, das ich mich mit meinem Zwillingsbruder herum ärgern muss. Lieber hätte ich eine Schwester gehabt und…“

Erbost sprang Jasper nun ebenfalls auf und rief zornig: „Und ich lieber einen Bruder und nicht so eine dämliche Hello Kitty Zicke, wie du eine bist, Nele!“

„Stopp!“, schrie Julian, der etwas überrascht über die Reaktion seiner Freunde war. Dann sagte er etwas leiser: „Setzt euch bitte beide wieder hin, damit ich euch erzählen kann, warum ich es so komisch finde, ausgerechnet mit Zwillingen in dieser unheimlichen Höhle fest zu sitzen. – Es hat mit dieser Schwarzbart Saga zu tun und ich fürchte, dass unser hier sein kein Zufall ist, sondern unmittelbar mit dieser Legende zu tun hat.

Glaubt mir, wenn ich mich dort oben im Schulkeller gleich an diese Geschichte erinnert hätte, wären wir niemals hier unten gelandet. Doch etwas hat dies verhindert. Und das allein scheint wirklich unser Schicksal zu sein!“

Ohne Wiederworte setzten sich beide wieder hin und sahen angespannt ihren gemeinsamen Freund an.

Schließlich holte dieser tief Luft und erzählte dann weiter.

 

„An jenem Tag also, an dem das Unheil seinen Lauf nahm, traf Ronald im Wald auf eine junge Frau, in der er sich auf der Stelle Hals über Kopf verliebte.

Die unbekannte hatte feuerrotes, langes Haar und war, wie sie Roland erzählte, auf der Flucht.

Ihr Heimatdorf war von einer brutalen Räuberbande dem Erdboden gleich gemacht worden.

Niemand hatte diesen Angriff überlebt und nur Ronja, wie sich die junge Frau selbst nannte, war die einzige überlebende, weil sie an diesem Tag im Wald auf Kräutersuche gewesen war.

Eigentlich hätten bei Ronald hier schon die Alarmglocken läuten sollen, doch scheinbar war er dieser Frau hoffnungslos verfallen. Und so nahm er sie mit sich in sein Dorf und stellte Ronja seinen Eltern als zukünftige Frau vor.

Diese waren, wie alle anderen Dorfbewohner auch, beim Anblick von Ronja entsetzt. Und als sie dann noch erfuhren, das Ronja eine Kräutersammlerin war, war ihr Urteil über die Fremde schon gefallen.

Rothaarige Frauen, die zudem noch im Wald nach Kräutern suchten, konnten in ihren Augen nur Hexen sein.

Doch Ronald blieb stur und glaubte nicht an den Aberglauben seiner Eltern. Und so kam es, wie es kommen musste. Seine Eltern warfen ihn kurzerhand aus dem Haus.

Die anderen Dorfbewohner wollten mit der vermeintlichen Hexe natürlich auch nichts zu tun haben und so jagten sie schließlich Ronja und Ronald mit Mistgabeln aus ihrem Dorf hinaus.

Beide fanden schließlich auf einem leer stehenden Aussiedlerhof in der Nähe des Dorfes einen Unterschlupf.

Dieser war bis auf einer alten Scheune niedergebrannt. Doch Ronald und Ronja richteten sich diese Scheune etwas her und lebten dann darin.

Sie überstanden gemeinsam einen harten Winter und als der Frühling dann die eisige Landschaft wieder zum Leben erwachen ließ, gebar Ronja ihre ersten beiden Kinder.“

 

„Zwillinge?“, unterbrach nun Nele Julians Erzählung.

„Natürlich Zwillinge“, fauchte ihr Bruder sie barsch an, „Er sprach doch von zwei Kindern!“

Julian nickte nur nachdenklich und schwieg.

Schließlich hielt es Jasper nicht mehr aus und fragte ungeduldig seinen Freund: „Und was passierte dann weiter?“

„Etwas sehr furchtbares“, flüsterte Julian leise und drehte dabei nervös den alten Holzkreisel in seinen Händen. Dann holte er tief Luft und erzählte schließlich weiter.

 

„Es passierte aber nicht sofort, denn zunächst wusste niemand im Dorf von den neugeborenen Zwillingen.

Ronald war seit seinem Rauswurf aus seinem Heimatdorf niemals mehr dorthin zurück gekehrt. Weder um seine Eltern zu besuchen, noch um Tauschgeschäfte mit den Dörflern zu machen.

Alles was er für seine junge Familie brauchte holte er sich aus dem Wald.

Er hatte die Malerei längst aufgegeben und war tatsächlich ein erfolgreicher Jäger geworden.

Was er von seiner Jagdbeute selbst nicht zum Leben brauchte, verkaufte er auf dem Markt in Marburg, einer kleinen Stadt, die von dem einsamen Aussiedlerhof zehn Kilometer weit weg entfernt lag.

Anfangs musste er den beschwerlichen und nicht ganz ungefährlichen Weg noch zu Fuß gehen.

Nur mit einem kleinen Karren, den er mühsam über die damals unbefestigten Wege hinter sich herzog, schaffte er seine Waren, die hauptsächlich aus Fellen und dem Fleisch der erbeuteten Tiere bestand, zu dem Markt in die Stadt.

Dabei machte er gute Geschäfte und schon bald konnte er sich ein Pferd leisten. Später schaffte er sich noch einen kleinen Wagen an, den sein Pferd mühelos ziehen konnte.

Und so vergingen mehrere Jahre, in dem es Ronald für die damaligen Verhältnisse doch zu einigem Wohlstand brachte.

Die Kinder wuchsen heran und als sie drei Jahre alt waren, machte die ganze Familie einen Ausflug in die Stadt. Doch genau das war der Anfang vom Ende.“

„Wurden sie auf dem Weg dorthin von Räubern überfallen?“, erkundigte sich Jasper, weil Julian eine Pause machte.

„Nein. – Aber sie wurden gesehen.“

„Gesehen? – Was meinst du damit.“, erkundigte sich Nele etwas ratlos.

„Ob ihr es glaubt oder nicht, aber seit jenem Tag damals, als sie von den Dorfbewohnern aus ihrem Dorf verjagt worden waren, hatte niemand mehr die beiden zu Gesicht bekommen.

Weder Ronald, der ständig im Wald unterwegs gewesen war um zu jagen oder Holz zu schlagen, noch Ronja, die hinter ihrer Scheune, in der sie hausten, einen kleinen Garten angelegt hatte.

Wenn man bedenkt, dass der Aussiedlerhof nur zwei Kilometer weit von dem Dorf entfernt lag und der damalige Weg in die Stadt in Sichtweite an der Scheune vorbeiführte, so ist es doch sehr verwunderlich, dass keiner die beiden mehr gesehen haben will.

Doch am jenem verhängnisvollen Tag, an dem Roland mit seiner Familie mit seinem Fuhrwerk in die Stadt fuhr, trafen sie auf gleich zwei Dorfbewohner.

Es waren ein junger Mann mit seiner Frau, die aus der Stadt kommend, ebenfalls mit einem Pferdegespann unterwegs waren und sich grade auf dem Heimweg ins Dorf zurück befanden.

Auf halber Strecke trafen dann beide Fuhrwerke aufeinander.

Ausgerechnet mitten im Wald und an einer Stelle, an der sie bedingt durch die dicht am Wegrand stehenden Bäume nicht einfach so aneinander vorbei fahren konnten.

Als die junge Frau erkannte, wer ihnen nach ihrer Ansicht nach den Weg versperrte, bekreuzigte sie sich, sprang von ihren Wagen herunter und lief laut schreiend in den Wald hinein.“

„Aber warum?“ entfuhr es Jasper unbehaglich.

„Weil die Kinder, übrigens ein Mädchen und ein Junge, beide blondhaarig waren. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, die an jenem Tag ihr langes Feuerrotes Haar offen zur Schau getragen hatte.“, erklärte ihm Julian geduldig.

„Aber das verstehe ich jetzt wirklich nicht.“, flüsterte Nele mit zunehmendem Entsetzen, die jetzt erkannt hatte, dass es in der Tat einen direkten Zusammenhang zwischen ihnen und den damaligen Geschehnissen geben musste.

Schließlich waren sie und ihr Bruder nicht nur Blondhaarig, sondern zudem auch noch Zwillinge.

Julian sah sie nachdenklich an und fragte dann: „Hatte ich schon erwähnt, das Ronald pechschwarze Haare gehabt haben soll?“

„Nein“, hauchte Nele, „Hast du nicht. – Aber ich denke ich weiß worauf du hinaus willst. Ich bin zwar nicht die beste in Biologie und von Vererbungslehre habe ich erst recht keine Ahnung. Doch auch der dümmste würde schon stutzig werden, wenn eine Rothaarige Frau mit einem schwarzhaarigen Mann blonde Kinder gezeugt haben soll.“

Jetzt meldete sich Jasper wichtig zu Wort und erklärte: „Nun Schwesterchen, ich habe bei der Vererbungslehre gut aufgepasst und ich meine zu Wissen, das die Haarfarben Schwarz und Rot sich jeweils dominant gegenüber der Farbe Blond verhalten.“

„Und was heißt das jetzt, Herr Oberschlaumeier?“, giftete Nele ihren Bruder an.

Das bedeutet, dass die Kinder von Ronja und Roland eigentlich nicht Blondhaarig sein konnten, sondern beide nur Schwarz oder Rothaarig.

Da sie offensichtlich auch zweieiige Zwillinge gewesen waren, hätte der Junge auch Schwarzhaarig und das Mädchen Rothaarig sein können. Niemals aber Blond. Selbst dann nicht, wenn die Eltern ein blondes Gen in sich getragen hätten!“

Jetzt meldete sich Julian wieder zu Wort und sagte: „Von solchen Dingen hatten die Menschen damals natürlich keine Ahnung. Doch eines glaubten sie genau zu wissen. – Rothaarige Frauen waren in ihren Augen Hexen und nur Hexen waren dazu im Stande von einem schwarzhaarigen Mann Blonde Kinder zubekommen.

Und genau deshalb war die junge Frau so entsetzt über den Anblick, den ihr damals Ronalds Familie so unverhofft auf dem einsamen Waldweg wohl geboten haben muss.“

„Und was passierte dann weiter?“, drängte Jasper, der sich langsam etwas Sorgen um ihre Fackel machte, die schon fast zur Hälfte herunter gebrannt war.

„Auch der Mann floh in den Wald und so blieb Roland nichts anderes übrig, als selbst das andere Fuhrwerk aus dem Weg zu räumen. Er spannte das Pferd aus und band es etwas abseits des Weges an einem Baum.

Den Karren selbst schob er so weit zwischen die Bäume, das er selbst mit seinem eigenen Fuhrwerk seine Fahrt fortsetzen konnte.

Sie verbrachten dann einige Stunden in der Stadt und machten sich am Nachmittag wieder auf die lange Rückfahrt.

Als sie aber zu der Stelle im Wald kamen, an der sie am Morgen noch das unerfreuliche Zusammentreffen mit den beiden Dorfbewohnern gehabt hatten, machten sie eine grausige Entdeckung.

Mitten auf dem Waldweg hatte jemand einen Holzpfahl in den Boden gerammt und darauf einen abgeschlagenen Schweinekopf aufgespießt. Das alleine war schon ein widerlicher Anblick. Doch zusätzlich hingen dem Schweinekopf auch noch aus blutgetränkten Stroh nachgebildete Haare herunter.

Natürlich erkannte Roland sofort, was das zu bedeuten hatte und wer für dieses abscheuliche Specktakel verantwortlich war.“

„War es eine Warnung von den Dorfbewohnern?“, wollte Jasper wissen.

Julian schüttelte seinen Kopf und sagte: „Wenn es nur eine Warnung gewesen wäre, dann hätte Roland mit seiner Familie ja vielleicht noch fliehen können. Aber es war mehr als nur eine Warnung. – Es war eine Falle.

Da Rolands Pferd vor dem Schweinekopf scheute, musste dieser sein Fuhrwerk anhalten.

Wutschnaubend sprang er von dem Wagen herunter und lief zu dem gepfählten Schweinskopf, um diesen zu beseitigen. Und grade als er ihn erreicht hatte, hörte er hinter sich ein lautes Gejohle und das ängstliche Geschrei seiner Kinder.

Wie aus dem Nichts heraus war dann aus dem dichten Unterholz links und rechts des Weges ein wütender Mob von Dorfbewohnern heraus gesprungen. Allesamt mit Mistgabeln und Knüppeln bewaffnet.

Sie umzingelten das Fuhrwerk und stürzten sich dann auf Ronja und ihren schreienden Kindern.

Natürlich wollte Roland sofort seiner verängstigten Familie zur Hilfe eilen, doch dazu kam er nicht mehr.

Jemand von der Blutrünstigen Meute hatte sich von hinten an ihm heran geschlichen und ihn dann mit einem Knüppel nieder geschlagen. Dabei verlor Roland natürlich sein Bewusstsein.“

 

Julian schwieg und stand auf. Langsam ging er zu dem Loch im Boden hinüber und starrte eine Weile auf die Überreste der Skelettierten Hand, deren Knochen noch immer zwischen den zersplitterten Eisstücken herum lagen und flüsterte schließlich kaum noch hörbar: „Diese Knochen hier könnten zu einer Hand von Ronald gehören und…“

Weiter kam Julian nicht mehr, denn die unbekannte Frauenstimme meldete sich mit bösartiger Stimme erneut zu Wort und jammerte unheilvoll: „Das war die rechte Hand meines Mannes. Doch die linke Hand, mit dem ganzen Rest von ihm, liegt hier zu meinen Füßen am Ende des Ganges…, des Ganges, Ganges…“

Nach dem das schaurige Echo der Stimme endlich wieder verstummt war flüsterte Nele, die sich ängstlich an ihren Bruder geklammert hatte: „Das war bestimmt diese Ronja aus deiner unheimlichen Legende.“

Julian drehte sich zu ihr rum und bestätigte mit bebender Stimme: „Ja. – Ich fürchte, du hast recht damit. Nur ist sie jetzt ein ruheloser Geist, der…“

„…der darauf wartet, das du den letzten Opfern meines Fluches endlich die Legende zu Ende erzählst!“, unterbrach Ronjas Geist Julian scheinbar ungeduldig.

Nele und Jasper schrien auf und starrten dabei ihren Freund schockiert an. Schließlich stammelte Jasper entsetzt: „Was meint sie nur damit, wenn sie von ihren letzten Opfern spricht.“

Julian ging rasch zu seinen verängstigten Freunden zurück, setzte sich wieder zwischen sie und sagte dann ernsthaft: „Sie meint euch beide damit. – Aber damit ihr wirklich verstehen könnt, warum Ronja das glaubt, muss ich euch tatsächlich erst die Geschichte fertig erzählen. Doch eins vorweg noch. Ihr beide werdet nicht ihre letzten Opfer werden. Das garantiere ich euch!“

„Das klingt aber nicht grade sehr beruhigend.“, jammerte Nele und drückte sich ängstlich an ihren Freund.

Dieser räusperte sich etwas verlegen und erzählte dann den Rest seiner Geschichte.

 

 

„Wahrscheinlich glaubt ihr, das der wütende Mob damals Ronalds Familie an Ort und Stelle umgebracht hat. Doch dem war nicht so. Hexen konnte man nämlich nicht einfach so umbringen.

Weder erschlagen, noch erstechen. – Nein, für Hexen gab es nur eine sichere Methode, die, so glaubten wenigstens damals die Dorfbewohner, sicher genug war, um sich vor ihren nachträglichen Flüchen und Zaubereien zu schützen.

Eine Hexe musste verbrannt werden.

Und damit ihnen Ronald ihr grausiges Vorhaben nicht verderben konnte, schlugen sie ihm mit einer Axt eine Hand ab. Sie wollten ihn nicht umbringen, war er doch einer von ihnen, und wie sie glaubten, nur ein Opfer eines schlimmen Hexenzaubers geworden, den ihm die vermeintliche Hexe Ronja auferlegt hatte.

Als Ronald endlich sein Bewusstsein wieder gefunden hatte, fand er sich alleine auf dem Waldweg wieder.

Sein Wagen war mit samt dem Pferd verschwunden und auch von seiner Familie fehlte jegliche Spur.

Glaubt mir, jeder andere Mensch wäre an der schlimmen Verletzung gestorben. Wäre einfach verblutet. Doch Roland war, wie ich schon erwähnte, ein sehr großer und starker Mann.

Getrieben von der Sorge um seine verschwundene Familie, verband er sich den Armstumpf und steckte sich dann die abgeschlagene Hand in seine Hosentasche.

Eigentlich wollte er gleich ins Dorf um seine Familie zu retten, doch dann roch er den Rauch, der unheilvoll durch die Bäume in seine Nase stieg.

Mühsam schleppte er sich aus den Wald heraus und sah dann das, was von seinem Zuhause übrig geblieben war.“

 

„Ach du heilige Scheiße“, entfuhr es Nele entsetzt, „Sie haben Ronja wirklich mit samt der Scheune verbrannt?“

Julian nickte und sagte dann: „Aber nicht nur das. Die Kinder mussten ebenfalls sterben.“

„Verbrannten sie mit ihrer Mutter in der Scheune?“, wollte Jasper wissen.

„Nein. Das wollten die Dorfbewohner nicht. Aber sie mussten verschwinden und zwar für immer. Doch niemand im Dorf war bereit, sich an den Kindern zu vergreifen. Keiner wollte die Schuld an ihrem Tod alleine tragen. Deshalb schaften sie die Zwillinge schließlich tief in den Wald hinein und brachten sie in eine Höhle. Dort fesselten sie die Kinder und überließen sie dann einfach ihrem Schicksal.“

Nele unterbrach Julians Erzählung und rief entgeistert: „Es war bestimmt die gleiche Höhle, in der wir uns jetzt grade aufhalten. Und diese Hilferufe, die wir ganz am Anfang hier gehört haben, kamen sicherlich von diesen armen Seelen der toten Kinder. – Mein Gott ist das alles furchtbar!“

Julian holte tief Luft und sagte dann: „Ja. – Die Kinder sind hier drinnen gestorben. Ohne Wasser und Nahrung hatten sie natürlich keine Chance zu überleben. Zudem waren sie ja gefesselt und aufgrund ihres Alters ohnehin völlig hilflos.

Das alles war ja eigentlich schon schlimm genug, doch der wirklich gruselige Teil von dieser Legende, von der wir jetzt annehmen müssen, dass es keine Legende ist, sondern eine wahre Geschichte, kommt ja erst noch.“

„Also mir reicht schon, was ich bisher gehört habe“, hauchte Nelle entsetzt.

„Ich kann dir den Rest von der Geschichte leider nicht ersparen“, erwiderte Julian ihr und erzählte dann weiter.

 

„Nachdem Ronald die heruntergebrannte Scheune gesehen und die sterblichen Überreste seiner Frau darin gefunden hatte, war er ein anderer Mensch. Er war ein gebrochener Mann.

Deshalb ließ er seinen ursprünglichen Plan direkt ins Dorf zugehen fallen, weil er in seinem damaligen Zustand ohnehin nicht hätte kämpfen können. Zudem glaubte er auch nicht daran, dass er seine Kinder dort auch finden würde.

Deshalb zog er sich in den Wald zurück.

Tagelang irrte er darin herum und versorgte seinen Armstumpf mit Kräutern, die ihm Ronja zu ihren Lebzeiten gezeigt hatte.

Irgendwann brachte ihn der Zufall wohl auch zu dieser Höhle, wo er dann seine toten Kinder gefunden hat. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie Roland sich bei ihren Anblick gefühlt haben muss.

Seine tiefe Trauer um den Verlust seiner Familie verwandelte sich schlagartig in puren Hass gegen die Dorfbewohner, die in ihren wahnsinnigen Aberglauben alles vernichtet hatten, was er je geliebt hatte.

Deshalb hielten ihn fortan nur noch seine Rachegedanken am Leben.

Es dauerte aber einige Zeit, bevor er sich wieder stark genug fühlte, um seine Rachegedanken in die Tat umzusetzen.

In einer Vollmondnacht ist er dann mitten in dem Dorf erschienen und hat dort alle in Angst und Schrecken versetzt.

Mit seiner ihm noch verbliebenen Hand hatte er eine mächtige Axt geschwungen und mit seinen langen Haaren und seinem noch längeren schwarzen Bart, muss Roland auf die Dorfbewohner wie ein zurückgekehrter böser Dämon gewirkt haben.

Aber das lag nicht nur an seinem aussehen, sondern vor allem daran, was er dann gemacht hat.

Er stand mitten auf dem Dorfplatz, reckte seine schwere Axt dem Mond entgegen und beschwor dann mit donnernder Stimme den Geist seiner toten Frau Ronja herauf.

Und diese ist dann tatsächlich auch wie aus dem Nichts heraus auf dem Dorfplatz erschienen.

Der Sage nach, sollen ihre Haare lichterloh in Flammen gestanden haben, während sie selbst auf einer Eisplatte stehend, gut einen Meter über dem Dorfplatz geschwebt sein soll.

Allein dieser gespenstische Auftritt hat die aufgeschreckten Dörfler dermaßen in Panik versetzt, das gleich mehrere von ihnen, darunter auch Ronalds Eltern, einfach tot umgefallen sind.“

„Dann war Ronja doch eine Hexe?“, entfuhr es Nele entsetzt.

Julian schüttelte seinen Kopf und sagte: „Nein, sie war niemals eine Hexe. Sie hatte einfach nur das Pech gehabt, in der damaligen Zeit Feuerrote Haare zu haben.“

„Und was passierte dann weiter?“, wollte Jasper angespannt wissen.

„Dann hat Ronja das Dorf mit einem bösen Fluch belegt, der bis heute noch wirksam ist und uns letztendlich hier her geführt hat. – Demnach sollen alle 77 Jahre Blonde Zwillinge geboren werden, die dann für immer und ewig spurlos verschwinden sollen und dann…“

„…qualvoll in dieser Höhle verhungern müssen!“, unterbrach ihn die unheimliche Stimme von Ronjas Geist aus der Dunkelheit.

„Ich will aber hier nicht verhungern“, jammerte Nele mit klappernden Zähnen los, doch Julian sagte beruhigend: „Das wirst du auch nicht. – Keiner von uns wird hier unten verhungern müssen.“

„Das verstehe ich aber jetzt nicht ganz.“, hauchte Jasper sichtlich schockiert.

„Ich verstehe es auch nicht“, heulte Ronja schaurig aus dem finsteren Höhlengang heraus, „Vielleicht erklärst du es uns einmal!“

Julian stand auf und sagte selbstsicher: „Aber sicher doch. Aber wie wäre es, wenn du dich erst einmal zu uns gesellen würdest, damit wir uns ein Bild von dir machen können!“

Nele und Jasper hielten vor Entsetzen ihren Atem an, glaubten sie doch, das Julian grade dabei war, seinen Verstand zu verlieren. Sie hofften deshalb beide nur inständig, das Ronja seine Einladung nicht annehmen würde.

Doch da fegte auch schon ein eisiger Windhauch aus dem dunklen Höhlengang auf sie zu, dem schon Sekunden später eine unheimliche Gestalt folgte.

Auch wenn sie halbdurchsichtig zu sein schien und ihr Körper mehr einen wallenden Nebel glich, waren doch deutlich die Feuerroten Haare erkennbar, die wild und dämonisch wirkend, von ihren Kopf abstanden.

Zwischen dieser wüsten Haarbracht hing ein nahezu völlig weißer Totenschädel, aus dem ihnen große leere Augenhöhlen entgegen blickten. Ihr restlicher Körper war in einem langen und dunkelgrauen Nebelkleid gefühlt, aus denen scheinbar von Ruß geschwärzte, skelettierte Arme heraus hangen.

Bei diesem unheimlichen Anblick blieb selbst Julian für einen Augenblick fast das Herz stehen, doch dann besann er sich wieder auf die alte Legende, von deren Ende er seinen Freunden bisher noch nichts erzählt hatte.

Augenblicklich beruhigte er sich wieder und begrüßte dann Ronjas Schreckgespenst mit den Worten: „Schön, das du zu uns gefunden hast. – Ich bin Julian und das hinter mir sind…“

„…meine Opfer!“, unterbrach Ronja ihn grob und fletschte dabei knirschend ihr lückenhaftes, gelbliches Gebiss.

Nele und Jasper, die sich umklammert hatten und dabei wie Espenlaub zitterten, waren vor Entsetzen völlig sprachlos.

Doch Julian schüttelte in aller Seelenruhe seinen Kopf und sagte: „Nein. – Es sind nicht deine Opfer, sondern meine besten Freunde!

Sie werden nicht hier unten sterben müssen, wie deine armen Kinder und all den anderen, die deinem Fluch entsprechend, sich hier her in diese Höhle verirrt haben und das gleiche Schicksal mit ihnen teilen mussten. – Nein, das werden sie ganz gewiss nicht!“

Jetzt geschahen gleich zwei Dinge auf einmal. Zum einen explodierten Ronjas roten Gespensterhaare in einen waren Flammenmehr und zum anderen donnerte aus dem tiefschwarzen Gang eine dröhnende Männerstimme heraus, die den Höhlenboden scheinbar zum beben brachten. Sie rief: „Er hat recht, Ronja. – Es ist vorbei. Hier und heute endet unsere Rache!“

Ronja, deren Kopf jetzt wie eine lodernde Fackel aussah, fuhr herum und kreischte hysterisch: „Oh nein mein Lieber. Es ist noch lange nicht vorbei!“

Statt einer Antwort, erklangen jetzt schwere Schritte aus der Dunkelheit des Ganges heraus, die sich rasch näherten.

Die Kinder sahen angespannt in diese Richtung und dann trat auch schon ein riesiges, kopfloses Skelett in den flackernden Lichtschein ihrer Fackel hinein.

Das unheimliche Gerippe trug seinen Schädel unter dem linken Arm, an dessen Ende eine Hand fehlte, während es in der rechten Hand eine große, verrostete Axt hin und her schwang.

Alle erkannten sofort, wen sie da vor sich hatten.

Es war Ronald, der jetzt umständlich versuchte, seinen Schädel auf seinen Oberkörper zu setzen. Doch wegen seiner fehlenden zweiten Hand misslang ihn dieser Versuch und so fiel der Schädel hohl scheppernd auf den felsigen Boden, wo er dann direkt vor die wie erstarrt da sitzenden Zwillinge kullerte und schließlich aufrecht stehend vor ihnen zum Stillstand kam.

Ronja lachte garstig auf, doch Ronalds Schädel unterbrach ihr höllisches Gelächter und donnerte: „Schweig still Weib und sieh dir die beiden doch mal genauer an. – Kannst du es denn nicht erkennen?“

Ronja bewegte sich jetzt langsam schwebend auf Nele und Jasper zu, die ihr mit weit aufgerissenen Augen ängstlich entgegen blickten.

Doch bevor sie die beiden erreichen konnte, sprang Julian mutig vor seine Freunde und rief: „Das ist jetzt aber nahe genug!“

Ronja heulte wütend auf, blieb aber tatsächlich stehen. Dann fauchte sie voller Hass: „Ich sehe hier nur meine nächsten Opfer. Also tritt gefälligst beiseite, damit ich sie mit mir nehmen und ihrem wohl verdienten Schicksal zu führen kann!“

Jetzt klapperte das Gebiss von Rolands Schädel zornig: „Selbst wenn du es wolltest, Ronja. Du kannst ihnen nichts anhaben, weil sie meines Blutes sind. – Und wenn du damals, nachdem du deinen Fluch ausgesprochen hast, nicht gleich wieder ins Jenseits verschwunden wärst, dann wüsstest du auch, was dann noch passiert ist!“

Ronjas ruheloser Geist begann nun etwas zu flackern und für einen Augenblick sah es tatsächlich so aus, als würde sich ihre Nebelhafte Gestalt in Luft auflösen. Doch dann stabilisierte sich ihre Erscheinung wieder und sank dann langsam in sich zusammen.

Schließlich heulte sie leise: „Ich weiß, dass du damals eigentlich anders im Sinn hattest, als du mich herauf beschworen hast, Ronald. Und es tut mir wirklich Leid, das dann alles so enden musste. Ich…“

Ronja brach leise vor sich hin wimmernd ab.

Ronalds Schädel sprang zwischen den Beinen des breitbeinig da stehenden Julian hindurch auf seine zusammen gekauerte Frau zu und sagte dann mit knirschenden Zähnen: „Schon gut, meine Liebe. – Ich denke, das Julian uns jetzt noch den Rest der Geschichte erzählen sollte, damit wir beide und unsere Kinder endlich unserer Ruhe finden können!“

 

Für eine Weile herrschte Totenstille, bevor Julian sich endlich räusperte und etwas unsicher sagte: „Ich denke, das wir noch nicht komplett sind und…“

Nele, die sich grade erst wieder etwas entspannt hatte unterbrach ihn schockiert und rief: „Bitte nicht noch mehr Geister!“

Doch bevor Julian ihr darauf Antworten konnte, erschienen aus dem Nichts heraus zwei kleine, zierliche Gestalten und gesellten sich zu Ronja.

Ganz eindeutig waren es ihre Kinder, die anders als ihre Eltern, fast völlig normal aussahen. Nur die Tatsache, dass sie irgendwie Farblos wirkten und schemenhaft durch die Luft schwebten, machte deutlich, dass es sich bei ihnen nur um ihre Geister handeln konnte.

Auch wenn sie zu ihren Lebzeiten nur drei Jahre alt geworden waren und ihre Gesichter ihnen jetzt traurig in Schwarzweiß entgegen blickten, erkannten doch alle sofort eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit zu Nele und Jasper.

Letzterer sprang entgeistert auf und stammelte: „Das, das kann doch nicht wahr sein, oder?“

„Doch es ist wahr“, sagte Julian, „Du und deine Schwester seid, wenn auch nicht in direkter Linie, Nachfahren aus Ronalds Familie. Genauer gesagt, die Nachfahren seines jüngeren Bruders.“

„Aber davon hast du uns gar nichts erzählt!“, ereiferte sich Nele aufgebracht.

„Bisher war es auch noch nicht wichtig gewesen. Doch jetzt weißt du es ja!“, gab Julian ihr ungehalten zur Antwort.

Jetzt meldet sich Jasper zu Wort und forderte: „Dann erzähle uns jetzt endlich den Rest der Geschichte!“

Julian nickte und erzählte dann weiter.

 

„Nachdem Ronja damals ihren erschreckenden Fluch ausgesprochen hatte und danach einfach wieder verschwunden war, hatte Ronald ein Problem.

Anders als seine Frau wollte er sich ja nur vor Ort und an den damaligen Dorfbewohnern rächen. Nicht aber an deren Nachfahren.

Deshalb sprach er in seiner Not einen Gegenfluch aus, bevor er sich dann vor den geschockten Dorfbewohnern selbst mit seiner Axt den Kopf abschlug.

Am nächsten Morgen trugen dann die mutigsten Dörfler die sterblichen Überreste von Roland in diese Höhle und mauerten sie anschließend grob mit Felssteinen zu.

Damit wollten sie wohl verhindern, das Ronjas Fluch sich bewahrheiten könnte.

Doch pünktlich nach 77 Jahren verschwanden die ersten Zwillinge spurlos. Und obwohl alle zu wissen glaubten, dass die verschwundenen Kinder nur in dieser Höhle sein konnten, traute sich niemand aus Angst vor Ronjas Geist in sie herein, um nach ihnen zu suchen.

Stattdessen bauten sie zusätzlich noch ein mächtiges Tor vor den schon mit Steinen verbarrikadierten Höhleneingang und verschlossen es dann mit schweren Ketten, um weiteres Unheil zu verhindern.

Aber es half nichts. Denn weitere 77 Jahren später wiederholte sich das Ganze.

Wieder verschwanden blonde Zwillinge, die natürlich auch nicht wieder auftauchten.

Mit den Jahrhunderten, die vergingen, verschwanden auch die Erinnerungen an diesen Fluch.

Nur noch wenige wussten darüber Bescheid und so kam es auch, dass mit dem Verschwinden der letzten Zwillinge, die heute auf den Tag genau vor 77 Jahren verschwanden, niemand mehr an diesen alten Fluch dachte. Nicht zuletzt auch deshalb, weil nur noch wenige Menschen an solche Flüche glaubten.

Doch damals, in Ronalds Generation, gab es einen Dorfbewohner, der schreiben konnte. Es war sein jüngerer Bruder Gerald. Dieser schrieb alles was damals passiert war fein säuberlich auf.

Auf wundersamer Weise sind dann diese uralten Aufzeichnungen bis heute erhalten geblieben. Letztendlich landeten sie zusammen mit diesem alten Ölgemälde, auf dem das Tor zusehen ist, in unserem Stadtarchiv.

Da mein Opa sich gut mit altdeutschen Schriften auskennt, hat er diese furchtbare Geschichte lesen können und sie mir dann so weiter erzählt.

Und genau an dieser Stelle kommt endlich der Gegenfluch von Ronald ins Spiel.“

 

Julian schwieg jetzt und schien auf etwas zu warten.

Schließlich hielt es Jasper nicht mehr aus und fragte: „Was ist los mit dir. – Warum erzählst du nicht weiter?“

„Weil ich es nicht darf. Nur Ronald selbst darf diesen Fluch erneut in seinen Mund nehmen und erklären!“, kommentierte Julian nur knapp.

Ronalds Gerippe setzte sich jetzt knirschend in Bewegung, nahm seinen Schädel auf und sagte dabei: „Mein Gegenfluch kann nur dann wirklich gelingen, wenn alle drei Bedingungen dazu auch erfüllt worden sind.

Die erste Bedingung war, das am entscheidenden Tag, der ja heute ist, die Zwillingsopfer nicht alleine sein dürfen. Dieser Punkt ist bereits erfüllt worden, da Julian ja bei euch ist.“

„Da bin ich aber beruhigt“, stöhnte Jasper sichtlich erleichtert auf.

„Was ist die zweite Bedingung?“, erkundigte sich jetzt Nele vorsichtig.

„Auch diese ist bereits erfüllt worden, denn einer von euch hat es bereits ausgesprochen. Ronja war zu ihren Lebzeiten keine Hexe!“

„Das war ich!“, stellte Julian nicht ohne Stolz fest.

„Doch was meine dritte Bedingung angeht, so ist sie doch weitaus schwieriger zu erfüllen.

Sicher werdet ihr euch jetzt fragen, warum es so kompliziert ist, einen einmal ausgesprochenen Fluch mit einem Gegenfluch aufzuheben. Leider muss ich gestehen, dass ich darauf auch keine Antwort weiß. Doch ihr drei werdet das Rätsel bestimmt lösen können.“

„Was ist das für ein Rätsel?“, fragte Julian neugierig.

Ronald grinste sie scheinbar aus seinem Schädel an und sagte dann ernst: „Ich kann euch das Rätsel nur einmal sagen. Ist es einmal ausgesprochen, werde ich nicht mehr mit euch sprechen können. Dann wird das Schicksal entscheiden, ob ich und meine Familie endlich unseren Seelenfrieden finden können oder ob wir für alle Zeiten dazu verdammt sind, hier unten in dieser Dunkelheit herum zu geistern.“

„Mit euch zusammen hier herum zu geistern“, ergänzte Ronja traurig die Worte ihres Mannes.

Fassungslos über Ronjas Worte stammelte Nele entsetzt: „Aber ich dachte, das wir nicht hier unten sterben werden.“

„Werdet ihr auch nicht“, knirschte Ronald ungeduldig, „wenn ihr mein Rätsel lösen könnt. Es bleibt nicht mehr viel Zeit bis zum Ende dieses Tages. Also hört mir gut zu:

 

Nur zwei Dinge mir geblieben sind, die ich fand auf dem Weg meiner Schmerzen.

Ich sie verbarg, um sie zu bringen meinen kleinen, lieben Herzen.

Doch als ich sie fand, ich verlor meinen Verstand. Nicht mehr dran dachte und etwas anderes machte!“

 

Kaum hatte Ronald sein Rätsel ausgesprochen, erstarten sämtliche Bewegungen an seinem Skelettierten Körper. Auch Ronja und die beiden Geisterkinder wirkten von einer Sekunde zur anderen wie eingefroren auf sie.

Endlich fand Julian als erste seine Worte wieder und sagte grade zu erleichtert: „Das ist aber ein leichtes Rätsel. Und ich dachte schon, da kommt etwas ganz anderes auf uns zu!“

Nele sah ihn ungläubig an und fauchte dann: „Das nennst du leicht? – Ich verstehe dieses Rätsel überhaupt nicht!“

„Du trägst einen Teil der Lösung in deinem Haar und ich in meinen Händen“, gab Julian ihr selbstsicher zur Antwort.

„Aber natürlich“, rief Jasper jetzt aufgeregt, „der Holzkreisel und die Haarspange sind diese beiden Dinge. Mit dem Weg der Schmerzen meinte Roland wohl den Waldweg, auf dem man ihm damals seine Hand abgeschlagen hat!“

„Genau so ist es!“, betätigte ihm Julian, „Und mit seinen kleinen Herzen hat er seine Kinder gemeint, denen er die Fundstücke nicht mehr zurück gegeben hat, weil sein Hass auf die Dorfbewohner dies verhindert hat. – Jetzt wird es wohl eure Aufgabe sein, das nach zu holen, was er damals versäumt hat!“

Mit diesem Worten übergab Julian den Kreisel Jasper und nickte dann Nele aufmunternd zu.

Zwar hatte er erwartet, dass diese wieder irgendetwas zu meckern hatte, doch diesmal schwieg sie. Stattdessen zog sie die alte Haarspange aus ihren Haaren heraus und drückte diese dem immer noch bewegungslos dastehenden Geistermädchen in die Hand.

Jasper ging vor den stumm und traurig dastehenden Geisterjungen in die Knie und sagte leise: „Und das ist für dich, mein kleiner. Möge dein Geist nun in Frieden ruhen.“

 

 

Kaum hatte er seine Worte ausgesprochen, fand er sich plötzlich zusammen mit Julian und Nelle im Keller ihrer Schule wieder.

Sie alle standen irgendwie sprachlos vor einer grauen Betonwand und wussten zunächst nicht, was passiert war. Doch dann fand Nele ihre Sprache wieder und sagte: „Ich glaube wir habe es geschafft und den bösen Fluch beendet.“

Doch bevor jemand ihr darauf antworten konnte donnerte hinter ihnen der Hausmeister: „Das sehe ich aber völlig anders. – Ihr drei seid noch lange nicht fertig mit eurer Strafarbeit. Und so wie ich das sehe, müsst ihr hier auch noch die umgestürzten Stühle wieder aufräumen!“

Alle drei waren herumgefahren und sahen entgeistert ihren Hausmeister an, der mit wütenden blicken auf die überall wild durcheinander herum liegenden Stühlen zeigte.

Nele kreischte zornig: „Aber das waren wir nicht. – Es war dieses unheimliche, ähm…“

Sie unterbrach sich selbst und sah ihren Bruder etwas hilflos an, weil sie sich plötzlich nicht mehr daran erinnern konnte, was sie eigentlich sagen wollte.

Doch Jasper erging es nicht viel anders. Von einer Sekunde auf die andere hatte er vergessen, was er in den letzten Stunden erlebt hatte.

Julian, der sich ebenfalls nicht mehr an ihr unheimliches Abenteuer erinnern konnte, half aus, in dem er sagte: „Ich glaube es war diese unheimliche Monster Ratte, die diesen Stuhlberg zum Einsturz gebracht hat.“

„Ratte?“, brüllte der Schulhausmeister außer sich vor Zorn, „In meiner Schule gibt es keine Ratten. – Die einzigen Ratten die ich kenne, haben zwei Beine und stehen grade vor mir. Und ich rate euch dringend, das ihr diesen Saustall im null Komma nichts wieder in Ordnung bringt, bevor ich mich noch vergesse!“

Mit diesen Worten stampfte der Hausmeister wütend davon und ließ drei ratlose Kinder zurück.

Schließlich fügten sie sich ihrem Schicksal und begannen damit, die Stühle wieder vor jene Wand zu stapeln, hinter der sie beinahe für immer verschwunden wären.

Doch daran konnten sie sich nicht mehr erinnern.

 

Nach einer Weile unterbrach Julian seine eintönige Arbeit und sagte zu seinen Freunden: „Ich könnte euch jetzt mal eine gruselige Geschichte von einer unheimliche Sage erzählen, die mir mein Opa unlängst einmal erzählt hat.

Der Legende nach soll sich hier unter unserer Schule ein altes Höhlensystem befinden, in der damals etwas Schreckliches passiert ist.“

Doch seine Freunde schüttelten nur ihre Köpfe…

 

 

ENDE

 

 

Diese Legende gibt es übrigens wirklich. Und selbstverständlich gibt es auch diese Höhle, die, wer hätte es auch anders erwartet, sich unter einer Gesamtschule befindet.

Einer Schule, die irgendwo in Hessen in den 70er Jahren erbaut worden ist und heute tagtäglich von mehr als 1000 Schülern besucht wird.

Leider ist unbekannt, was mit den anderen Kindern passiert ist, die in dieser Legende ebenfalls verschwunden sind.

Gut möglich, das deren rastlosen Seelen auch heute noch unter dieser Schule herum spuken.

Aber wer weiß das schon...

 

 

Ähnliche Geschichten gibt es auch in dem eBookDer Monster 3DS“ von Moritz W. Haus.

 

 

© by Moritz W. Haus 2013/2016

 

 

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